Baukultur Salon Vilnius & Tallinn

Ort
stadtbauraum (Gelsenkirchen)
Laufzeit
25. Juni 2009

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RÜCKBLICK Die Vision des Programms mit rund 90 Projekten sei eine europäische Hauptstadt der Zukunft, die für Menschen, Kulturen und Innovationen offen ist, so Laura Gudzineviciute, Leiterin Marketing und Kommunikation Vilnius 2009. Unter dem Motto CULTURE LIVE wird der öffentliche Raum dabei zur besonderen Bühne für Bewohner und Besucher, die als Kulturschaffende in die Projekte mit einbezogen werden. So gibt zum Beispiel das interaktive Kunstprojekt „Die sprechende Tür“ jedem Stadtbewohner die Möglichkeit, die Architektur der Stadt aufs Neue zu entdecken und eine neue Wechselwirkung mit den berühmtesten Bauwerken der Stadt zu erfahren. Interaktive Installationen der Tonkunst werden in öffentlichen zentralen Räumen von Vilnius, in den Türen von Gebäuden mit unterschiedlicher gesellschaftlicher Bestimmung eingerichtet, beispielsweise in Kirchen, Museen oder in der Universität. Die Kulturprojekte wollen einen Bogen zwischen nationaler und internationaler, zwischen traditioneller und moderner Kultur spannen. Der Blick ist auf die Zukunft gerichtet. Man will auf Formate setzen, die auch nach dem Jahr im europäischen Rampenlicht erhalten bleiben. Denn das Programm von Vilnius 2009 zielt nicht nur auf Kultur, sondern auch auf die Verbesserung der Infrastruktur ab. Und das, obwohl die Programmmacher noch vor Start des Kulturhauptstadtjahres mehr als vierzig Prozent Budgetkürzungen hin nehmen mussten.
Raminta Jurenaité, Kunstkritikerin und Kuratorin/Kunstakademie Vilnius, sieht in dem Titel Europäische Kulturhauptstadt trotz der Budgetkürzungen eine große Chance für das kulturelle Leben in Vilnius. Die litauische Hauptstadt weist bereits ein lebendiges Kulturleben auf, dass durch die Kulturhauptstadt nur verstärkt werden könne. Die Öffnung der Altstadt, seit 1994 unter Unesco-Welterbeschutz, zum Museumsufer, die im Rahmen der Kulturhauptstadt forciert wurde, sei eine große Chance für neue Räume zur Inszenierung von Kultur in Vilnius. Der besondere Reiz von Vilnius liegt für Raminta Jurenaité in dem Kontrast der sowjetischen Plattenbausiedlungen und den neu entstandenen modernen Gebäuden. Hier zeige sich der Anspruch des Kulturhauptstadtprogramms, an die Vergangenheit zu erinnern und die Gegenwart zu präsentieren.
Auch in Tallinn sind die Zeichen der Vergangenheit noch deutlich sichtbar. Mit knapp 400.000 Einwohnern liegt die Hauptstadt von Estland im nordöstlichsten Teil der Ostseeregion. Als Meeres- und Handelsstadt war sie lange Zeit geprägt vom Handel. Die mittelalterliche Altstadt mit Stadtmauer und Türmen steht seit 1997 unter Unesco-Welterbeschutz und ist heute das Kapital Tallinns in seiner touristischen Vermarktung. Obwohl die Geschichte Tallinns während all der Zeit immer mit dem Meer verbunden war, sind die Ufer zum Meer nicht erschlossen und es besteht keine, für die Bewohner und Besucher erlebbare Verbindung zwischen Meer und Stadt. Daher ist ein Ziel der Programmmacher von Tallinn 2011, die Stadt zum Meer zu öffnen, so Mikko Fritze, Direktor Stiftung Tallinn 2011. In der Entwicklung des Programms für das Kulturhauptstadtjahr in Tallinn ist dabei die Frage „Kulturhauptstadt ohne Geld?“ wie in Vilnius eine virulente. Zwar ist das Konzept zur Durchführung von Tallinn 2011 noch nicht beschlossen, aber angesichts des knappen Budgets werden viele künstlerische Ansätze eingeplant, die auf die Solidarität der Kulturschaffenden setzen.
Ähnlich wie Tallinn durch die Kulturhauptstadt eine neue Verbindung mit dem Meer eingeht, sollen die bisherigen Unorte entlang der Emscher durch das Projekt emscherKUNST.2010 wieder zugänglich gemacht werden, so Dr. Simone Timmerhaus von der Emschergenossenschaft. Ab Mai 2010 haben die Besucher 100 Tage Zeit, um die insgesamt acht Ausstellungsräume auf der Emscher-Insel zwischen Oberhausen und Castrop-Rauxel zu erkunden. Die Emscher-Insel ist ein Stück Land im Herzen des Ruhrgebiets zwischen der Emscher und dem Rhein-Herne-Kanal, 34 km lang und zwischen 500 Metern bis zu 3 km breit. Hier finden sich gebündelt die Struktur-Probleme des Ruhrgebiets, von der Abwasserkloake bis zur Zechenanlage und Abräumhalde. 40 Künstlerinnen und Künstler antworten auf die durch Industrie geprägte Landschaft und schaffen temporär wie dauerhaft Bilder für die Vision einer neuen Metropolregion Ruhr. Unter Einbezug der ortsspezifischen Begebenheiten entwickelt zum Beispiel das Künstlerduo Piet Oudolf & Eelco Hooftman einen versunkenen Garten in einem ehemaligen Klärbecken in Bottrop Ebel. Auf der Außenhülle eines ehemaligen Faulturms in Herne erschafft Silke Wagner ein monumentales Wandmosaik und Tobias Rehberger erfüllt mit seiner künstlerischen Großskulptur bei Schloss Oberhausen zugleich die Funktion eines Brückenübergangs auf die Emscher-Insel.
Das Projekt Über Wasser gehen der RUHR.2010 geht noch einen Schritt weiter. Künstler arbeiten bereits in der Planungsphase mit den Ingenieuren der Abwasserwirtschaft zusammen und bestimmen Form und Lauf der zukünftigen Seseke. Dabei kann Kunst einen Anstoß zum Absurden geben und damit eine Auseinandersetzung mit Bestehendem fördern, so Billie Erlenkamp, Kuratorin des Projektes. Der offen geführte Abwasserkanal Sesecke, ein Nebenfluss der Lippe, wird bis 2010 naturnah zurückgebaut. Mit zwölf künstlerischen Positionen in Lünen, Kamen, Bergkamen, Bönen, Unna und Dortmund greifen Künstler in den Umbauprozess ein, den der Lippeverband verantwortet. Geplant sind sowohl Projekte der Landschaftskunst als auch in situ Arbeiten oder interaktive Projekte mit den Menschen vor Ort. Die meisten Kunstwerke werden dauerhaft vor Ort bleiben – wie die als Kunstwerk geplante Brücke des Künstlerduos Heike Mutter + Ulrich Genth. Im Herbst 2009 werden die ersten Projekte realisiert.
Die Unterschiedlichkeit der Projekte, die in diesem Baukultur Salon vorgestellt wurden, zeigen, das experimentelle künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum im Ruhrgebiet durchaus möglich sind, während die die jungen EU-Städte Vilnius und Tallinn klassische künstlerische Ansätze für ihr Programm zur Europäischen Kulturhauptstadt in 2009 bzw. in 2011 verfolgen.
Der nächste Baukultur Salon am 10. September 2009 ist den Europäischen Kulturhauptstädten Porto 2001 und Guimaraes 2012 gewidmet.

 

PROGRAMM

Vortrag und Diskussion mit:
Laura Gudzineviciute, Leiterin Marketing und Kommunikation Vilnius 2009
Prof. Dr. Raminta Jurenaité, Kunstkritikerin und Kuratorin, Kunstakademie Vilnius
Mikko Fritze, Direktor Stiftung Tallinn 2011
Dr. Simone Timmerhaus, Emschergenossenschaft
Billie Erlenkamp, Kuratorin "Über Wasser gehen"

Moderation:
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010

Imbiss und Bilderbogen Vilnius und Tallinn