Sehr geehrter Herr Minister Lienenkämper,
sehr geehrte Damen und Herren,
(Zitat auf Wand Projiziert)„Zehn Jahre Arbeit, die hauptsächlich dies zu vermeiden vorhatte: Routine, Gedankenträgheit, Gleichgültigkeit. Dann und wann tut es not, scheinbar Undenkbares zu denken und auszuprobieren.“ Das hat Manfred Sack in seinem Buch „Siebzig Kilometer Hoffnung“ einst mit Blick auf die Arbeit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park gesagt, als hätte er die Kulturhauptstadt Europas schon geahnt.
Meinen beruflichen Werdegang startete ich bei der IBA Emscher Park und noch heute zehre ich von dieser spannenden, inspirierenden Arbeit mit einer Schar von Querdenkern, die schon früh die versteckten, oftmals spröden Schönheiten des Ruhrgebiets gesehen haben. Auf dem Erbe der IBA Emscher Park baut meine ganz persönliche Arbeit, aber auch in umfassenden Sinne die Programmatik und die Arbeitsweise der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 auf.
Das Programm der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 steht nun kurz vor der Umsetzung. Das Programmbuch ist am 30. Oktober 2009 erschienen, mit insgesamt 300 Projekten und 3000 Veranstaltungen aus allen Sparten der Kunst und Kultur, ergänzt durch vielzählige Initiativen der Kreativwirtschaft. Unsere Programmatik folgt dabei drei Leitthemen: Mythos Ruhr, Metropole gestalten und Europa bewegen. Auf den ersten Blick ein bunter Strauß von Ideen, die zum Teil schon in der Bewerbungsphase entstanden und den Titel in die Region holten. Viele Projekte sind in der Folge aus dem 2007 ausgesprochenen Ideenaufruf der RUHR.2010 hervorgegangen. Kombiniert mit Eigenprojekten der künstlerischen Teams der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 ist nun das Gesamtprogramm entstanden.
Der Baukultur Salon begleitet nun schon seit Juni 2007 die Planungen der Kulturhauptstadt, mit dem Anspruch die baukulturellen Planungen und Ideen auf den Prüfstand zu stellen und einen konstruktiven Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen Kulturhauptstadt-Machern zu forcieren. So möchte ich Ihnen heute, zum Ende der Veranstaltungsreihe hier im stadtbauraum die Grundzüge des finalen Baukultur-Programms der Kulturhauptstadt Europas und das Kapitel „Metropole gestalten“ vor und zu Diskussion stellen.
Metropole: da erscheinen mir spontan Bilder vom quirlig lebendigen Barcelona, dem altehrwürdigen, in steter Bewegung befindlichen London, dem Mode- und Künstler-Paradies Paris oder der Megastadt Istanbul am Bosporus vor meinem geistigen Auge. Weltstädte mit atmosphärischer Dichte, urbanen Zentren und einem unvergleichlichen kulturellen Leben. Mit Blick auf Deutschland vermögen wir uns Berlin, Hamburg oder München als Metropole vorzustellen. Ist es da nicht vermessen das Ruhrgebiet in diesen Reigen etablierter Metropolen einzureihen?
In der Regel kennen wir monozentrische Metropolregionen mit einer städtischen Führungsfigur, stark verdichtet, mit einem konzentriert versammelten Kunst- und Kulturangebot, einer funktionierenden Infrastruktur und geprägt von Urbanität, Lebensqualität und Größe.
Das Ruhrgebiet kann in diesem Kontext nur als dezentrale Metropolregion verstanden werden, am ehesten vergleichbar mit der benachbarten niederländischen Randstad. Doch bei genauerer Betrachtung finden sich auch hier drei klar definierte Großzentren, die der Region ihre metropolitane Ausstrahlung verleihen: die renommierte Kunst- und Kulturstadt Amsterdam, die junge Kreativ- und Architekturhochburg Rotterdam und der Regierungssitz Den Haag, der sich derzeit mit großen Design-Projekten einen Namen macht.
Wie passt das Ruhrgebiet ins Bild? Das Ruhrgebiet ist vor 100 Jahren zu einem ungeplanten regionalen Städtenetzwerk zusammen gewachsen, das neue unter dem vorherrschenden Bevölkerungsrückgang und demografischen Wandel, meiner Meinung nach niemals eine über alle 53 Kommunen flächendeckende Metropolen-Entwicklung leisten kann. Aber, rufen wir uns das Modell Randstad in Erinnerung. Das Ruhrgebiet hat die Chance die 53 Kommunen zu analysieren, regionale Kompetenzen und Leitfiguren herauszuarbeiten, eine großstädtische Verdichtung und Konzentration an wenigen Orten, gekoppelt mit der Aufwertung der umgebenden Zwischenstadt unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten. So könnte nach meinem Verständnis die „Metropole Ruhr“ Gestalt annehmen.
Nehmen wir an, die skizzierte Struktur sei erklärtes Ziel. Wie erreichen wir dieses Ziel? Ein klassisches, tragfähiges Instrument der Raumplanung ist der Masterplan. Masterpläne und regional abgestimmt Konzepte entstehen seit der IBA Emscher Park im Ruhrgebiet in einer fast unübersichtlichen Vielfalt. Zu nennen sind hier z.B. der Masterplan 2006/2008 und der Regionale Flächennutzungsplan der Städteregion 2030, der Masterplan Emscher Landschaftspark 2010, der Masterplan Emscher Zukunft der Ermschergenossenschaft, der Masterplan Nördliches Ruhrgebiet des Regionalverbands Ruhr oder das Konzept Ruhr der Wirtschaftsförderungsgesellschaft metropole Ruhr.
Die Fülle der derzeit diskutierten Masterpläne und Konzepte zeigt sehr deutlich, dass es uns nicht an lokalen Ansätzen und Ideen fehlt, wohl aber an einem Gesamtbild einer regional profilierten Raumentwicklung. Die eben genannten Planungen sind zudem zum Teil rein informeller Natur, die keinen rechtlich bindenden Charakter besitzen.
Es besteht Handlungsbedarf, die kurz skizzierten, weitreichenden, langfristigen, grundlegenden Veränderungen anzugehen und kluge Instrumente für deren Umsetzung zu entwickeln.
Doch, das möchte ich an dieser Stelle sehr deutlich sagen, das vermag ein Großevent wie eine Kulturhauptstadt nicht zu leisten. Diesen Prozess könnte nur die Region als Einheit, mit Unterstützung der Landesregierung erfolgreich angehen.
Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 kann diesen Prozess sehr wohl unterstützen, indem sie der Idee „Metropole Ruhr“ eine Plattform verschafft, Motor für neue Entwicklungen und Nährboden für Experimente ist.
Matin Heller hat Anfang diesen Jahres bei einer Baukultur-Diskussion hier im stadtbauraum mit Blick auf die Kulturhauptstadt Europas Linz 2009 den „kulturellen Ausnahmezustand“ ausgerufen. Die schönste Umschreibung für all das, was wir mit einer Kulturhauptstadt Europas erreichen können.
Der Programmbereich „Metropole gestalten“ der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 umfasst insgesamt mehr als 40 Projekte, die ich gemeinsam mit einem kompetenten, kleinen, schlagkräftigen Team, unter der Leitung des Künstlerischen Direktors Prof. Karl-Heinz Petzinka entwickeln durfte. Ein großer Dank an Anne Fuchs, Anja Ziebarth und Anna Fuy.
Jedes der mehr als 40 Projekte unterstützt auf seine ganz eigene Weise den Gedanken „Metropole Ruhr“, über die inhaltliche Ausrichtung, den regionalen Planungsansatz oder den partizipatorischen Prozess. Unsere Arbeit an der Vision „Metropole Ruhr“ hat den Anspruch, über die temporäre Projektebene eines großen Kulturfestivals hinaus zu gehen, wir greifen virulente Themen auf, stoßen langfristige Strategien an und eröffnen Freiräume in den Zwängen alltäglicher Planungskultur.
Lassen sie uns nun einen Blick auf die Themen und Projekte der „Stadt der Möglichkeiten“ werfen.
Was haben wir uns vorgenommen?
Weg von „der Pott kocht“, hin zur „metropolitanen Kreativ-Region“.
Beginnen wir mit der Infrastruktur:
Das Ruhrgebiet hat das wohl am dichtesten ausgeprägte Autobahnnetz Europas, vermutlich sogar der ganzen Welt. Große Infrastrukturschneisen, in Zeiten entstanden als die autogerechte Stadt die Maxime fortschrittlichen Wandels darstellte. Sie sind hochfrequentiert, unsere Autobahnen, ein jeder von uns ist geradezu ein Stau-Profi. So beginnt für viele ein jeder Tag auf dem Ruhrschnellweg, eingereiht in einer Blechlawine, der Blick in die umgebende Stadtlandschaft abgeschirmt durch straßenbegleitendes Grün und modisch graue Lärmschutzwände. Einzig in Dortmund, dort wo die A 40 noch B1 ist, sinkt der Agressionsfaktor für den Autofahrer, die altehrwürdigen Alleen, bürgerliche Villen und pompöse Glasarchitekturen versüßen die ansonsten trostlos erscheinende Monotonie der Autofahrt.
Hier setzt das Projekt „B1 I A40 – Die Schönheit der großen Straße“ an. Künstler, Designer und Architekten erforschen diesen linearen Stadtraum, decken verborgene Qualitäten auf, suchen Verbindungen in die flankierenden Lebenswelten und wagen Experimente im Umgang mit einer nachhaltigen, ästhetisch motivierten Gestaltung dieser Infrastruktur. Eine temporäre Ausstellung an sechs Orten mit 20 Werken versteht sich als Vorgriff auf einen derzeit in Auftrag gegebenen Masterplan A40 und ein Gestalthandbuch, beides planungsrechtlich verbindlich für die Zukunft.
2010 erfahren wir einen sinnlichen Ausblick auf den Alltag von Morgen. Standort: Haltestelle Frillendorfer Platz in Essen: prominent gelegen auf dem Mittelstreifen der A40, dauerbeschallt von Straßenlärm, eingehüllt von Abgasen und Feinstäuben, der nie enden wollende Verkehr rast vorbei. Das Team orange edge/Davids Terfrüchte entwickelt einen Prototypen des Wohlfühlens, bestehend aus grünen Sichtabschirmungen, unsichtbaren Sound-Wänden im Gegenschallverfahren und gut gestalteten Möblierungen.
Der Barcode A 40 bringt Farbe ins Spiel. Ein großer Aufruf in die Bevölkerung hat die Farbauswahl hervorgebracht für den Streifencode auf der Lärmschutzwand in Bochum-Wattenscheid, der schon bald Realität ist. Auf der Reise vom Kreuz Kaiserberg in Duisburg bis zur Stadtkrone Dortmund entstehen zudem in 2010 kuratiert von Markus Ambach, temporäre Werke von international renommierten Künstlern wie Joop van Lieshout, Rita McBride, Christoph Schläger oder die Künstlergruppe Finger, die sich der „Schönheit der großen Straße“ verschrieben haben.
Am Emscherschnellweg hat Straßen NRW gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Parkautobahn über einen weiteren Aufruf in die Bevölkerung über den zukünftigen Leitbaum auf der Parkautobahn abstimmen lassen. Das Ergebnis: Der Urweltmammutbaum führt mit weitem Abstand vor dem Fächerblattbaum und der Grünen Baumzypresse. 165 Standorte mit Mammutbäumen in drei Größen von zwei bis sieben Metern hoch säumen in 2010 die A 42. Zusammen mit „Ohrenparks“ und den Startpunkten werden an die 1000 Bäume im Namen der Kulturhauptstadt Europas neu gepflanzt. „Parkautobahn“, Herr Minister Lienenkämper hat in seiner Eröffnungsrede schon auf das Projekt hingewiesen, ist somit nicht etwa dem allmorgendlichen Ritual des Parkens auf der Autobahn im ewig wiederkehrenden Stau gewidmet. Der Titel offenbart die Bedeutung der Bundesautobahn als zentrale Zugangsachse in den umgebenden Emscher Landschaftspark. Wie an einer Perlenschnur reihen sich großartige Werke der Landmarkenkunst, transformierte Monumente der Industriekultur und weitläufige Landschaftsparks neuen Typs an der Autobahn auf. Gezieltes Freischneiden im Straßenbegleitgrün macht den Blick frei auf die markanten Symbole des neuen Ruhrgebiets. An ausgewählten Standorten bauen wir gemeinsam mit den Kommunen Parktankstellen, Informationsorte im Übergang von der Autobahn direkt in den Park und – wenn alles gut geht – weisen gekonnt gesetzte, poetische Markierungen auf das Neue Emschertal hin.
Wie ist all das möglich?
Man nehme einen Paradigmenwechsel zur rechten Zeit am rechten Ort. Schritt für Schritt setzt sich in der Verkehrssicherheitsplanung die Überzeugung durch, dass gezielt gesetzte Gestaltungen an der Autobahn die Wachsamkeit des Autofahrers erhöhen und nicht etwa als Ablenkung den Verkehr stören.
Man füge hinzu: Einen starken Verbund von Landesregierung, Kommunen und Eigentümer der Straßen, gepuscht durch den Bund, die alle zusammen die Hürden einer neuartigen Planung gemeinsam nehmen.
Die letzte Zutat zum Gelingen: eine Plattform für dieses Experiment, die Kulturhauptstadt Europas, die sich als Anlass und Motor dieser ungewöhnlichen Planungskultur begreift.
„B1 I A40 – Die Schönheit der großen Straße“ und „Parkautobahn“ sind eigenwillige Visionen, die durch den kulturellen Kraftakt in 2010 Realität werden und weit in die Zukunft weisen. Diese Projekte erregen mit Abstand am meisten Aufmerksamkeit in der nationalen und internationalen Fachwelt.
Modellhaft gestaltete Autobahnen sind jedoch nur ein erster schritt in Richtung „Metropole Ruhr“. Um sich diesen Titel zu verdienen, muss ein ganzheitliches Mobilitätskonzept entwickelt werden. Ich träume von einem funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, mit Zügen in hoher Taktung zwischen den Zentren, Stadtübergreifende Untergrund- oder Straßenbahnen und klug eingesetzte Schnellbusse. Das ist Zukunftsmusik, die von der Landes- und Kommunalpolitik erst noch komponiert werden muss.
Kommen wir zu den urbanen Zentren:
Der Begriff „Metropole“ ist in der gegenwärtigen Diskussion nur unzureichend definiert. Folgen wir z.B. dem stadtsoziologischen Diskurs, so stoßen wir im Wörterbuch der Soziologie von Harfield und Hillmann auf die Aussage „Metropolen weisen in der Regel eine kulturell spezifische Urbanität auf“.
Urbanität entsteht im Sinne der Raumplanung grundsätzlich immer nur im Zusammenspiel gebauter Strukturen und der Benutzung eines Stadtraums, ein schwer zu kreierender Zustand eines metropolitanen Lebensgefühls, der in verdichteten Hot-Spots großer Städte zu finden ist.
Wo sind die urbanen Zentren in der Ruhragglomeration? Welche der 53 Städte im Plangebiet des Regionalverbandes Ruhr sind als Zentren zu verstehen?
Eine Idee die Suche nach den Zentren zu unterstützen möchte ich Ihnen vorstellen.
Gemeinsam mit dem niederländischen Nachbarn haben wir in 2007 einen Prozess angestoßen, der sich unter dem Titel „Kreativ.Quartiere“ zusammenfasst. Deutsche und niederländische Künstler, Architekten, Designer, Erfinder, Jungunternehmer und andere kreative Geister haben sich als Scouts auf die Reise begeben, die vorhandenen urbanen Potentiale, also die Räume, die von der Kreativen Klasse Ruhr bereits in Besitz genommen wurden und einer Stärkung bedürfen, sowie die urbanen Möglichkeitsräume der zukünftigen „Metropole Ruhr“ aufzuspüren. In den aufgespürten Städten wurden „Roundtables“ aus allen zuständigen Ressorts der Verwaltung und der lokalen Kreativwirtschaft einberufen. Das Ergebnis: Ohne langwierige bürokratische Verzögerungen werden Leerstände für die Nutzung durch Künstler und Kreative zugänglich gemacht. So entsteht unter anderem derzeit das „Kreativ.Quartier“ Dortmund rund um die ehemalige Unions-Brauerei, die im Mai 2010 als das bundesweit erste Zentrum für kreative Industrien mit dem Schwerpunkt Musik und Medien seine Pforten öffnet und dem Kreativ Quartier einen Mittelpunkt gibt.
In Bochum entsteht das Viktoriaquartier, wo sich durch die Initiative des Teams um Dieter Gorny schon heute die Ruhr Music Commission, Bite FM Ruhr, das Label Roof Music und die Ruhr Pop Foundation angesiedelt haben.
Eine Arbeit des renommierten Künstlers Jochen Gerz lässt uns hoffen, diesen Re-Urbanisierungsprozess sichtbar zu machen, den wir forcieren möchten. „2-3 Straßen. Eine Ausstellung in den Städten des Ruhrgebiets von Jochen Gerz“. Die Gerzsche Anzeige „1 Jahr mietfrei wohnen“ hat mehr als 4000 Bewerbungen aus aller Welt zur Folge gehabt. Ein langwieriger, durch die klugen „Qualifizierungs-Mechanismen“ des Künstlers gesteuerter Auswahlprozess hat 100 engagierte Teilnehmer geortet. Sie beziehen seit Oktober diesen Jahres, 100 Wohnungen in drei Straßen des Ruhrgebiets, die sich bisher durch Leerstand und soziales Ungleichgewicht auszeichneten. Die alten, die neuen Mieter und die Besucher der Ausstellung, sie alle zusammen sind Teil des künstlerischen Werkes. Ausgestattet mit einem Laptop, sind die alten und die neuen Mieter aufgefordert ihren Alltag festzuhalten, ein Tagebuch des Wandels. Die Besonderheit: eine spezielle Software lässt den geschriebenen Text wie in ein „schwarzes Loch“ fallen, alles fließt unredigiert in ein Buch ein, das in 2011 veröffentlicht wird. Es ist ein Buch von Kreativen aus allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft, das Ideen, Beobachtungen, Gedanken und Geschichten enthalten wird, die überraschen uns werden.
„Kreativ.Quartiere“ und „2-3 Straßen“ sind Beispiele für einen urbanen Wandel, dem sich das Ruhrgebiet stellen muss. Sie sind punktuell wirksam und meinen doch einen strategischen strukturellen Transformationsprozess, der für die Zukunft in Gang gesetzt wird.
Uns ist bewusst, dass die Metropole Ruhr einer regional abgestimmten Strategie bedarf, die das Ruhgebiet in seiner Vielfalt analysiert, Zentren setzt und Zwischenstadt definiert. Kreativ Quartiere sind nur ein kleiner Ansatz in diese Richtung.
2-3 Straßen eröffnet uns aber auch einen Blick in die „gelebte Metropole Ruhr“. Will das Ruhrgebiet nachhaltig den Weg von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft beschreiten, dann ist ein weitreichender Mentalitätswandel der Bevölkerung unumgänglich.
Die Aktivierung der Bevölkerung ist eine der größten Herausforderungen, die wir angehen müssen, um der Zukunft gerecht zu werden. Das kann nicht von einem Tag auf den anderen, gar flächendeckend funktionieren und bedarf der steten punktuellen Vermittlungs- und Aufklärungsarbeit vor Ort.
Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass das Ruhgebiet als Arbeiterregion groß geworden ist. Eine breite bürgerliche Mittelschicht fehlt. Die in den 60er Jahren implantierte Hochschullandschaft lockt viele Studenten und Akademiker in die Region, die heute jedoch in der Regel nach Abschluss der Ausbildung dem Ruhrgebiet den Rücken kehren. Hier müssen wir attraktive Angebote schaffen, nicht nur auf der Ebene der Verbesserung des Arbeitsangebots und der Wohnqualität, sondern vor allem auch im kulturellen Sektor. Ein bestehendes hochkarätiges Format bilden die Ruhrfestspiele, entstanden in der Nachkriegszeit unter dem Vorzeichen „Kunst gegen Kohle“ bilden sie einen Grundstock kulturellen Lebens. Auch zu nennen ist die Triennale Ruhr, unter Gerard Mortier Anfang des neuen Jahrtausends ins Leben gerufen, hat sie sich mittlerweile zu internationaler Größe entwickelt. In der Folge der beiden erwähnten Vorreiter wird die Kunstbiennale Emscherkunst Einzug halten in die Metropole Ruhr als einzigartiges Kunstformat, das sich direkt mit den Zukunftsaufgaben des Ruhrgebiets auseinandersetzt.
Insgesamt 24 Künstler, Künstlergruppen oder Künstlerkooperationen auf Zeit sind eingeladen zwischen Castrop-Rauxel und Oberhausen die Vision der Metropole Ruhr sichtbar zu machen. Eine Insel für die Kunst ist der bezeichnende Untertitel der Kunstausstellung im öffentlichen Raum. Zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher erstreckt sich im Herzen des Ruhrgebiets ein Stück Land, 35 km lang, 300 Meter bis zu drei Kilometer breit. Ehemalige Zechen, Arbeitersiedlungen, aufgegebene Kläranlagen, ein offen geführter Abwasserkanal, Halden und Restflächen der Industrienatur prägen diesen Landschaftsraum. Die Herausforderungen einer ehemaligen Industrieregion konzentriert auf einem Fleck. Hier setzen die ausnahmslos ortsspezifischen Werke der Künstler an. Sie geben der Metropole Ruhr ein neues Gesicht, suchen Antworten auf Fragen von Morgen und suchen den direkten Austausch mit den Bewohnern und Gestaltern des neuen Ruhrgebiets.
Die fröhlich bunte, als statisches Meisterwerk konstruierte Fußgängerbrücke von Tobias Rehberger hat das Zeug sich zur Ikone des Emscher Landschaftsparks zu entwickeln. Ebenso das Mosaik der Arbeiterkämpfe am Faulturm der Kläranlage Herne von Silke Wagner oder die architektonische Skulptur, bestehend aus gewundenem hölzernen Steg und 8 Meter hohem Aussichtsturm von Tadashi Kawamata.
Der Amerikaner Peter Fend entwickelt mit seiner Arbeit „Erneuerbar“ eine Station, an der durch neue, vor allem in Neuseeland entwickelten Methoden auf der Basis von Biogas, Energie erzeugt wird. Für das Kunstwerk erntet er einfach die weitverbreitete Wasserpest im idyllischen Ruhrtal, im Baldeneysee und Kemnadersee ab und produziert mit seinem Prototypen auf der Emscherinsel daraus die nötige Energie um ein Teehaus zu betreiben.
Die in Ljubljana lebende Künstlerin Marjetica Potrc baut gemeinsam mit dem niederländischen Büro Ooze Architects den Community garden „Between the waters“. Diese 150 Meter lange gartenähnliche Installation verbindet die Emscher mit dem Kanal. Auf unterschiedlichen Stationen wird verdeutlicht, wie die Natur in der Lage ist eigenständig das verschmutzte Wasser zu reinigen. Mit dem natürlich gereinigten Wasser werden dann in der Nachbarschaft angelegte Nutzgärten bewässert, die von der lokalen Bevölkerung betrieben werden.
Die Kunst hält Einzug in den Alltag der „Metropole Ruhr“, sucht die direkte Begegnung und die Auseinandersetzung mit den Menschen der Region.
So auch das interdisziplinäre Projekt von Erik Göngrich und Jan Liesegang von raumlaborberlin. NON STOP CITY heißt die Arbeit, die sich der Wasserstrasse Rhein-Herne-Kanal annimmt, der südlichen Uferkante der Emscherinsel.
In Interviews und Archiv-Recherchen erspüren sie den Zukunftsraum Rhein-Herne Kanal und projizieren urbane Utopien auf die Uferkanten der viel genutzten Wasserstraße.
Von welchen Räumen träumen Sie?
Können Sie mir einen Weg beschreiben, den Sie täglich zurücklegen?
Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, in der „Stadt von Morgen“ gewesen zu sein?
Das sind einige der Fragen, die Erik Göngrich den Benutzern und Kennern des Rhein-Herne-Kanals stellt. Sie bilden die Basis der künstlerischen Idee und nehmen in den projizierten Zeichnungen des Künstlers Gestalt an.
Durch die Projektionen der Zeichnungen und Texte werden unsichtbare Informationen und Fiktionen über den Kanal sichtbar gemacht. Eine speziell entworfene Projektionsbox steht mittig auf dem Oberdeck eines über den Kanal fahrenden Schiffs und zeichnet so ein hyperreales und utopisches Bild von Stadt in den Landschaftsraum.
NON STOP CITY ist ein zentrales Projekt des KulturKanals eine Initiative der zehn Anrainerkommunen, die sich vorgenommen haben über die Mittel der Kultur einen Stadtraum zurück zu erobern, den 70 Kilometer langen Rhein-Herne-Kanal.
Es gibt vieles mehr zu berichten aus dem Pool der Ideen und Projekte, die in 2010 zum Kulturhauptstadtjahr entstehen. Viele überraschende Werke, Formate und neue Netzwerke mit experimentellem Charakter, langfristiger Perspektive und durchaus (selbst-)kritischen Ansatz.
All das ist nachzulesen im Jahresprogramm der Kulturhauptstadt.
Den Vortrag beende ich mit einem Ausblick:
Ich bin überzeugt, dass wir mit der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 der Metropole Ruhr ein Stück näher rücken.
Die Zukunftsaufgaben sind formuliert.
Die Metropolregion braucht eine Strategie der differenzierten Stärkung zur Schaffung urbaner Zentren.
Die urbane Vielfalt der Zentren muss durch effiziente Mobilitätsangebote für die Bewohner der Metropole jederzeit erreichbar sein.
Rund um die Zentren darf ein weitreichender Rückbau von Stadt kein Tabuthema mehr sein.
Der Emscher Landschaftspark mit allen Angeboten und Qualitäten eines metropolitanen Stadtparks muss unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten weiter gebaut werden.
Vielen Dank. |