Statement des nordrhein-westfälischen Bauministers Lutz Lienenkämper

Ort
stadtbauraum (Gelsenkirchen)
Laufzeit
12. November 2009

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Wir haben uns heute hier zusammen gefunden, um mit Spannung und Neugierde das baukulturelle Programm der Kulturhauptstadt 2010 zu erfahren. Über 40 Projekte sollen dazu beitragen, Zeichen zu setzen, Blicke zu schärfen oder zu verändern, um den Weg zu ebnen – die Metropole Ruhr zu gestalten!
Mit Baukultur, Künstlerischen Interventionen und Lichtkunst wollen die Macher der Kulturhauptstadt der Region eine neue Identität hinzufügen, die den Menschen zeigen soll: Eine Metropole lebt durch ihre vielfältigen urbanen Möglichkeiten. In diesem Vorhaben wird die RUHR.2010 von uns unterstützt.
Die Landesinitiative StadtBauKultur setzt sich seit einigen Jahren dafür ein, die Baukultur in unseren Städten zu einem öffentlichen Thema zu machen, um unsere Städte lebens- und liebenswerter zu gestalten.
Auch die baukulturelle Identität dieser Region ist mit ausschlaggebend dafür, dass sich die Menschen hier gut aufgehoben, einfach zu Hause fühlen, dass das Ruhrgebiet ihre Heimat geworden ist. Und für die Besucher aus aller Welt wird die „Metropole Ruhr“ zunächst einmal durch die baukulturellen Projekte sicht- und erlebbar werden. Ob durch neue Architekturen, außergewöhnliche Lichtwerke im öffentlichen Raum oder durch künstlerisch gestaltete Verkehrsadern - hier werden die 53 Städte der Ruhrregion zeigen, dass ihre Urbanität längst zu einer Metropolregion verschmolzen ist – sie muss nur sichtbar gemacht werden!
Lassen Sie mich kurz auf einige der „sichtbaren“ Projekte im Rahmen der Kulturhauptstadt eingehen:
Bereits im Oktober dieses Jahres wurde - wenn Sie so wollen als „1. Aufschlag“ für weitere Neubauten in der Kulturhauptstadt-Region - das Emil Schumacher Museum in Hagen eröffnet. Für die Pläne des Museums sowie die gleichzeitige Erweiterung des Karl Ernst Osthaus Museums zeichnet der Mannheimer Architekt Lindemann verantwortlich. Im Museumsneubau ist die Sammlung des Hagener Malers und Grafikers Emil Schumacher untergebracht, der zu den bedeutendsten Vertretern der informellen Malerei Deutschlands zählt. Der Museumsbau führte auch zu einer nachhaltigen Aufwertung seines städtebaulichen Umfeldes und ist ein wichtiger Impuls für die Stärkung und Weiterentwicklung der Hagener Innenstadt.
Am 1. Dezemberwochenende, kurz vor dem offiziellen Beginn der Kulturhauptstadt, eröffnet der „Schwarze Diamant“, der kubische Erweiterungsbau des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum. Durch seine  dunkle Putzfassade mit Graphiteinstreuungen soll der Entwurf des Amsterdamer Architekurbüos Benthem & Crowel an die Oberfläche eines Diamanten erinnert. Das weltweit größte Bergbaumuseum vergrößert seine Ausstellungsfläche hiermit um ca. 800 qm und zeigt zur Eröffnung die Sonderausstellung "Glück auf Ruhrgebiet! Der Steinkohlenbergbau nach 1945".
Am selben Wochenende gehen in der Kohlenwäsche des Welterbes Zollverein in Essen das Besucherzentrum mit dem europaweit einmaligen „Portal der Industriekultur“ sowie der erneuerte Denkmalpfad in Betrieb. Besucher könne auf ihm den „Weg der Kohle“ von der Förderung bis zur Verladung verfolgen; ihnen wird erklärt, welche Arbeitsabläufe die Kohle durchlief, bis sie die Zeche verließ und weitertransportiert wurde.
Einen Monat später werden die Besucher weitertransportiert: die Auftaktveranstaltung der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 am 9. und 10. Januar 2010 findet zunächst vor der beeindruckenden Kulisse der Kokerei Zollverein statt, bevor die Gäste der Eröffnung eines weiteren spektakulären Ausstellungsgebäudes beiwohnen können: der Eröffnung des neuen Ruhr Museums in der Kohlenwäsche.
In der Bewerberstadt Essen wird noch im Januar ein weiterer Museumsneubau der Öffentlichkeit übergeben: Das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Europa, das 1902 von Karl-Ernst Osthaus in Hagen als Museum Folkwang gegründet wurde, hat seit 1922 seinen Sitz in der Goethestraße in Essen. Zum Kulturhauptstadtjahr kann nun der lang ersehnte Neu- und Erweiterungsbau der Bevölkerung vorgestellt werden. Der Londoner Architekt David Chipperfield hat einen überzeugenden Entwurf realisiert, der gleichzeitig den denkmalgeschützten Altbau integriert und die lange vermisste Öffnung des Museums Folkwang hin zur Essener Innenstadt ermöglicht.
Lassen Sie mich meine Vorstellungsreise neuer Kulturbauten von Essen in deren nördliche Nachbarstadt Gelsenkirchen fortsetzen: von der Zeche Zollverein zur Zeche Nordstern. Die Zeche Zollverein bildete in ihren letzten Betriebsjahren einen Verbund mit der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Der Nordsternpark steht heute als ein gelungenes Beispiel für neue, kreative Quartiere – sofern Sie mir erlauben, einen Park als Quartier zu bezeichnen – und als viel beachtetes Beispiel für eine zeitgemäße Umnutzung eines bedeutenden Industrieensembles. Zur Kulturhauptstadt wird hier eine weiteres zeitgenössisches Zeichen gesetzt: Im denkmalgeschützten Förderturm über Schacht II hält ein einzigartiges Videokunstzentrum Einzug. Der Turm wird um vier verglaste Ebenen aufgestockt, die wiederum durch die Monumentalplastik „Herkules“ des Künstlers Markus Lüpertz gekrönt werden – die Stadt Gelsenkirchen kann sich auf ein neues Wahrzeichen freuen.
Auf neue kulturelle Wahrzeichen können sich auch die Städte Duisburg und Dortmund freuen. Im Duisburger Innenhafen erhält das Museum  Küppersmühle einen Erweiterungsbau zur Unterbringung der Sammlung Ströher. Nach den Plänen der Architekten Herzog & de Meuron wird auf den baulich verstärkten Silos des Mühlengebäudes in 35 Meter Höhe ein gläserner „Container“ errichtet, mit dem die Ausstellungsfläche des Museums Küppersmühle um 2000 m² erweitert wird. „Kunst über den Wolken“ hat ein Journalist seinen Bericht über die Projektvorstellung überschrieben; das könnte der neue Werbeslogan für das Museum Küppersmühle sein.
Aber auch für das Dortmunder U, das als einer der sieben sogenannten „Hochpunkte“ ein wichtiger Bestandteil in der Programmatik der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 ist. Es wird nach den Plänen von Professor Gerber zu einem Zentrum für Kunst, Kreativität und Wirtschaft entwickelt und Mittelpunkt eines 80.000 m² großen kreativen Quartiers mit Robert-Bosch-Kolleg und Freizeitzentrum West in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus dem viel zu kleinen Museum am Ostwall wird hierhin umziehen. Zudem wird das Medienkunstlabor „Futurelab“ aus Linz hier eine Zweigstelle eröffnen und die Redaktion des internetbasierten „Channel 2010“ hier ebenfalls ihren Sitz nehmen.
Mit einer neuen Architektur beteiligt sich auch der Landschaftsverband Rheinland am Kulturhauptstadtprogramm: mit dem ersten industriearchäologischen Park in Deutschland an der St. Antony Hütte in Oberhausen. Sie ist die erste Eisenhütte des Reviers, in der 1758 das erste Roheisen aus dem ersten Hochofen des Ruhrgebietes floss. Die Dauerausstellung im Museum erzählt von der Entstehungsgeschichte der Hütte, von bedeutenden Innovationen und Menschen, die dort lebten. Auf dem Ausgrabungsgelände nebenan entdecken die Besucher ab Juni Relikte aus der Frühzeit der St. Antony Hütte, geschützt mit einem fast „schwebenden“ Schutzdach aus Zink. Aus den Mauerresten entstehen virtuell die ehemaligen Produktionsanlagen, so dass Funktion und Aussehen der ersten Eisenhütte anschaulich erfahrbar werden.  
Meine Damen und Herren, es ist mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass die meisten der vorgestellten neuen Architekturen durch erhebliche finanzielle Beteiligungen aus der Ruhrgebietsbürgerschaft sowie von Wirtschaftsunternehmen ermöglicht werden: Die Aufstockung der Küppersmühle wird durch Evonik sowie durch das Sammlerehepaar Ströher mitfinanziert, das Folkwang-Museum ist der großzügigen Spende der Krupp-Stiftung zu verdanken, auf Nordstern engagiert sich die Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten und auch das Emil Schumacher Museum in Hagen wird zu erheblichen Teilen durch die Bürgerschaft finanziert. Die Unternehmen und die Bürger unterstützen hiermit die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 und leisten einen großartigen Beitrag, der Metropole Ruhr ein neues baukulturelles Gesicht zu geben.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein Projekt vorstellen, das ich sowohl als Städtebauminister als auch in meiner Funktion als Verkehrsminister und insbesondere unter dem Thema „Baukultur“ äußerst spannend finde: das Projekt „Parkautobahnen“, genauer: die Einbildung der A 42 in das sie umgebende Stadt- und Landschaftsgefüge. Die Parkautobahn  wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Worum geht es und welche Strategie steht dahinter?
Trotz aller Anstrengungen zur Attraktivierung der Städte leidet das Ruhrgebiet nach wie vor unter Urbanitäts- wie kulturlandschaftlichen Defiziten. Defizite weisen auch öffentliche Räume auf, zu denen in einer mobilen Gesellschaft u.a. die Autobahnen gehören, die das Ruhrgebiet in Ost-West- bzw. in Nord-Süd-Richtung durchtrennen. Die Eindrücke sind auf weiten Strecken ernüchternd: Lärmschutzwände und –Wälle, Sichtschutzmaßnahmen bis zu gelegentlichen vollständigen „Eintunnelungen“ führen  zu einer massiven Abschirmung und Isolation dieser Verkehrsadern und als Konsequenz daraus zu einer Verstärkung des Zerschneidungseffektes in der urbanen Struktur.
Auch die A 42 erlebt der Autofahrer zurzeit als einen linearen Raum, der insbesondere durch das begleitende Grün und durch die Lärmschutzwände von der Stadtlandschaft abgekapselt ist. Die A 42 unterscheidet sich auf dem ersten Blick also nicht von anderen Autobahnen in Ballungsräumen. Auf den ersten Blick, denn die A 42  verläuft durch das Herz des Emscher Landschaftsparks, parallel zur Emscher und zum Rhein-Herne-Kanal. Bei einem zweiten Blick kann man von der Autobahn die Highlights des Emscher Landschaftsparks, wie den Landschaftspark Duisburg-Nord, den Gehölzgarten Ripshorst in Oberhausen, die Schurenbachhalde in Essen und den Nordsternpark in Gelsenkirchen bewundern.
Der Projektansatz: Die Autobahn soll sich über die Erfüllung der Verkehrsfunktion hinaus in den Siedlungs- und Landschaftsraum integrieren und das Gefüge der urbanen Kulturlandschaft verknüpfen. Entlang der Autobahn wird mit einer Reihe von Umgestaltungen an Randstreifen, Seitenbegrünungen, Brücken, Abfahrten und Autobahnkreuzen versucht, den umgebenden Park zu thematisieren. Die Fahrt auf der „Parkautobahn“ soll zu einem besonderen, für alle Reisenden erkennbaren Erlebnis werden, das sich deutlich von der Fahrt über andere Autobahnen abhebt. Durch das bewusste Setzen von die Aufmerksamkeit erregenden „Reizen“ sollen die Maßnahmen zudem zur Erhöhung der Verkehrssicherheit beitragen. Und nicht verschweigen will ich, dass die Umgestaltung des Randgrüns mittelfristig zu einer Reduzierung des Pflegeaufwandes führen soll. Mehrer Fliegen sollen also mit einer Klappe geschlagen werden.
Die Parkautobahn ist ein auf mehrere Jahre – wir reden von gut einem Jahrzehnt – angelegtes Projekt, das zu einem Modell für die Gestaltung von großen Verkehrsinfrastrukturen in Metropolen werden kann. Ein Versuch, mittlerweile in der Fachwelt europaweit beobachtet, den wir als nachhaltiges Projekt der Kulturhauptstadt angehen. Dem Projekt und Ihnen, meine Damen und Herren, wünsche ich ein herzliches Glück auf!