RÜCKBLICK Neue Architekturen und Kreative Quartiere – Zukunftsbilder für das Ruhrgebiet?
Zu Beginn des letzten Baukultur Salons 2008 zur Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 im stadtbauraum in Gelsenkirchen gaben die Moderatorinnen, Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW, und Katja Aßmann, Projektmanagement StadtBauKultur NRW / RUHR.2010, einen Rückblick auf die vergangenen Salons der letzten beiden Jahre:
Die Auftaktveranstaltung zur Europäischen Kulturhauptstadt Rotterdam 2001 am 21. Juni 2007 bot einen gelungenen Einstieg in die Veranstaltungsreihe. Seit dem Kulturhauptstadtjahr finden in Rotterdam regelmäßig Themenjahre, wie zum Beispiel das „Jahr der Architektur Rotterdam 2007“ statt, die verdeutlichen, dass Rotterdam seit 2001 nicht neu gebaut, sondern nur neu inszeniert und nachhaltig ins Bewusstsein gerufen werden muss.
Am Beispiel des darauffolgenden Baukultur Salons Luxemburg 2007 am 16. August 2007 wurden intensiv die Effekte der vielfältigen kulturellen Aktivitäten einer Kulturhauptstadt beleuchtet. Luxemburg wurde kritisiert, lediglich ein Feuerwerk von Aktionen „abzufackeln“, um ein Jahr lang im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Dieses Verständnis von Kulturhauptstadt sei zu kurz gegriffen, langfristige „Einträge“ in ein kollektives Gedächtnis mit neuen Bildern einer Stadt seien so nicht zu erreichen.
Der dritte Baukultur Salon am 27. September 2007 betrachtete unter dem Motto „Verbindet Baukultur Regionen?“ die Europäische Kulturhauptstadt Lille. Das besondere an Lille war die erstmalige Einbindung einer gesamten Region, bestehend aus 186 Städten und Gemeinden. Das Fazit dieses Salons war, dass Baukultur Regionen verbindet, wenn aktive Netzwerke vorhanden sind.
Während des Salons zur Kulturhauptstadt Graz 2003 am 11. Oktober 2007 stand das Thema Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Diskussion. Die Teilnehmer waren sich darüber einig, dass die „Nachher-Strategie“ bei jedem Programm mitzudenken ist.
Den Schlussakkord für das Veranstaltungsjahr 2007 im randvollen stadtbauraum setzte die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010 am 15. November 2007. Fazit dieser Veranstaltung war: Die „Bau-Kulturhauptstadt RUHR.2010“ braucht starke Bilder, die regional und international wirken.
Am 08. Mai 2008 startete der Baukultur Salon sein zweites Veranstaltungsjahr mit einer Diskussion rund um die Baukultur Istanbuls, die neben dem Ruhrgebiet und dem ungarischen Pécs in 2010 den Titel Europäische Kulturhauptstadt trägt. Es ist schon eine Besonderheit, dass ein nicht zur Europäischen Union zugehöriges Land, von eben dieser Instanz den in 1985 initiierten Titel verliehen bekommt. Besonders erstaunlich ist es, dass die erfolgreiche Bewerbung auf eine komplett bürgerliche Initiative mit ausschließlich ehrenamtlich arbeitenden Persönlichkeiten zurückgeht. Der Baukultur Salon Istanbul 2010 ließ viel Aufbruchstimmung spüren und hat deutlich gezeigt, dass das Ruhrgebiet und die Türkei schon jetzt einen engen Dialog führen, den sie bis 2010 noch intensivieren wollen (Beispiel dafür ist das Projekt Temporäre Stadt an besonderen Orten, dass im Europäischen Haus der Stadtkultur entwickelt wurde).
Der Baukultur Salon Glasgow 1990 am 19. Juni 2008 hat aufgezeigt, dass das verbindende Element zwischen Glasgow und dem Ruhrgebiet insbesondere die noch anhaltende Bewältigung des Strukturwandels und seinen Folgen ist. Glasgow hat mit „seinem“, 18 Jahre zurück liegenden Kulturhauptstadtjahr bewiesen, welche Chancen der Titel Kulturhauptstadt Europas birgt und welche Potenziale in der Region freigesetzt werden können. Jedoch wurde in der Diskussion ebenso deutlich, dass viele Probleme durch eine Kulturhauptstadt Europas nicht gelöst werden können.
Wieder eine britische Stadt zeigt sich seit Anfang des Jahres mit spannenden Ausstellungen, zahlreichen Veranstaltungen und urbanen Interventionen im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2008. Eine Gelegenheit, beim dritten Baukultur Salon in 2008 am 04. September die Macher von Liverpool 08 einzuladen und mit ihnen die Frage zu diskutieren: „Baustelle Stadt, ein Zukunftsversprechen des Wandels?“. Mit ihrem Selbstvertrauen und ihrer Aufbruchstimmung zeigt Liverpool in 2008, was auch für die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010 möglich sein kann, so die Eindrücke von der Reise des Kuratoriums der Landesinitiative StadtBauKultur NRW nach Liverpool: Eine Kulturhauptstadt muss nicht fertig gebaut sein!
Resümierend ist festzuhalten, dass eine der wichtigsten Botschaften der vergangenen Salons für die Zukunft, der Aufruf zur Unangepasstheit an die Macher von RUHR.2010 war; die Aufbruchstimmung, die mit dem Kulturhauptstadtjahr einherginge, für zukünftige Visionen und Experimente zu nutzen.
Unter dem Motto „Neue Architekturen und Kreative Quartiere – Zukunftsbilder für das Ruhrgebiet?“ widmete sich der letzte Salon in 2008 wieder den Plänen der RUHR.2010 im Themenfeld „Stadt der Möglichkeiten“. 53 Städte und Gemeinden tragen in einem Jahr den Titel Europäische Kulturhauptstadt. Aufbauend auf den Errungenschaften der IBA Emscher Park (1989 bis 1999) will RUHR.2010 erneut Kunst und Baukultur als Motor der Veränderung nutzen. Bei der Auftaktveranstaltung am 13. Oktober 2008 auf Zeche Zollverein in Essen wurde das Programmbuch 1 der Kulturhauptstadt RUHR.2010 vorgestellt. Mit etwa 150 Projekten sowie rund 1.500 Veranstaltungen gibt es einen ersten Einblick in die Geschehnisse in 2010. An fünf zentralen Orten – in Essen, Duisburg, Oberhausen, Bochum sowie Dortmund – entstehen Besucherzentren, die als kulturtouristische Drehscheiben fungieren. Sie sind die Ankunftsorte und liegen im Mittelpunkt neu entwickelter städtischer Erlebnisquartiere mit einer attraktiven Ballung von Orten, Ereignissen und kulturellen Angeboten aller Art. Diese fünf Areale werden durch vier Programmpassagen entlang der Ruhr, dem Hellweg, dem Neuen Emschertal und der Lippe ergänzt. Bewusst wurde das Programm nicht in Sparten, sondern nach Metropolenbegriffen wie Brücken, Quartiere, Sichtwechsel oder Spielwiesen unterteilt; mit dem Ziel, die Besonderheit der Städtepartnerschaften in der Organisation der einzelnen Projekte herauszustellen. Zurzeit arbeiten die Macher der RUHR.2010 an der Weiterqualifizierung einzelner Projekte sowie der Aufstellung eines Zeitplans für 2010. Dass die Kulturhauptstadt der Region ein Gesicht geben kann, davon ist Nordrhein-Westfalens Bauminister Oliver Wittke überzeugt. Bereits während der IBA Emscher Park ist der Begriff der Industriekultur geprägt worden. Neue Architekturen in alten Quartieren waren ein Markenzeichen der IBA. „So verwundert es nicht, dass die zur Kulturhauptstadt RUHR.2010 geplanten neuen Architekturen vielfach in jenen Quartieren errichtet werden, für die die IBA Geburtshilfe geleistet hat.“ Zwei dieser neuen Architekturen (des weiteren Neubau Museum Folkwang, Dortmunder U, Ditib-Merkez Moschee, Alte Synagoge, Neubau Emil Schumacher Museum & Erweiterung Karl Ernst Osthaus Museum, Ruhr Museum)
werden im Duisburger Innenhafen errichtet. Nach den Plänen der Architekten Herzog & de Meuron wird auf den baulich verstärkten Silos des Mühlengebäudes des Museums Küppersmühle in 35 Metern Höhe ein silberner „Container“ errichtet, in dem die Ausstellungsfläche des Museums um 2000 m² erweitert wird. Zudem wird künftig ein Teil der Bestände des nordrhein-westfälischen Landesarchivs seinen Platz im letzten noch nicht umgebauten und unter Denkmalschutz stehenden Speichergebäude im Innenhafen finden. Nach den Plänen des Büros Ortner & Ortner Baukunst wird das Gebäude um einen 65 Meter hohen Turm in der Mitte ergänzt und bietet dann Platz für 160 Regalkilometer und einen Veranstaltungssaal. Für Oliver Wittke ist dies eines der spannendsten Wesensmerkmale der Kulturhauptstadt RUHR.2010, das Wechselspiel zwischen neuer und alter Architektur. Dass Baukultur aber auch ein wesentliches Element des Alltags ist, zeigt sich für Oliver Wittke u.a. in dem Projekt Route der Wohnkultur. Die Route der Wohnkultur will die Vielfalt alltäglicher Wohnwelten Besuchern und Bewohnern des Ruhrgebietes präsentieren (www.routederwohnkultur.de). Spektakuläre Bauten und Alltags-Baukultur verbinden sich im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 somit zu einer erfolgreichen Symbiose. Nach diesem Statement von Oliver Wittke wurde klar, dass er die eingangsgestellte Frage „Lieben Sie das Ruhrgebiet?“ nur mit „Ja“ beantworten konnte. Mit seiner Vielfalt, seiner Kreativität, seiner Spontanität und seiner Unperfektheit sei das Ruhrgebiet für ihn die spannendste Region der Republik. Dass die von Bauminister Oliver Wittke vorgestellten neuen Architekturen 2010 noch nicht fertig gebaut sind, sei, laut Prof. Karl-Heinz Petzinka, RUHR.2010-Direktor für die Themenfelder Architektur und Bildende Kunst, durchaus so gewollt. Den Umbau der Autobahn A40 zu einer Verkehrsader von zukunftsweisender urbaner und künstlerischer Qualität sowie der Autobahn A42 zur Parkautobahn A42 mit Verbindung zum sie umgebenden Emscher
Landschaftspark sei eine Aufgabe, die eine ganze Generation für die nächsten 30 Jahre beschäftige. Dazu zähle auch der geplante Phönix-See in Dortmund. Hier sei es gelungen, aus den Monostrukturen der Montanära zu lernen und gemeinsam ein funktionierndes Zusammenspiel aus akademischer Ausbildung, Beschäftigung und internationaler Vernetzung zu schaffen. „Gemeinsam“ bedeutet gerade für die Kulturhauptstadt RUHR.2010 die Vernetzung und Zusammenarbeit der einzelnen Städte im Ruhrgebiet sowie gemeinsame Regeln für Projekte mit einem solch gigantischen Ausmaß wie die bereits genannten. Eben in dieser Zusammenarbeit sieht Karl-Heinz Petzinka sowohl die größte Herausforderung, als auch die größten Potenziale für RUHR.2010.Dass das Jahr 2010 erst der Anfang sein kann, unterstreicht Prof. Dieter Gorny, RUHR.2010-Direktor für die Kreativwirtschaft. „Wir werden eher Prozesse als Projekte realisieren.“ Dies gilt auch für die unterschiedlichen Branchen der Kreativwirtschaft, die sich im Zuge des Transformationsprozesses von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft als neuer Leitmarkt entwickelt haben. Jedoch seien bei keiner anderen Kulturhauptstadt die Kulturproduzierenden etatisiert worden. Die Chancen, die diese spannenden ökonomischen Innovationen bieten, hat die RUHR.2010 für sich erkannt und integriert das Thema „Kreativwirtschaft“ in ihrem Programm. Damit könne die Zukunft der Region nachhaltig gesichert werden, so Dieter Gorny. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Kreativquartieren, innerstädtische Räume, die die Bedingungen und Bedürfnisse der Kreativwirtschaft und die sich ergebenden Wechselwirkungen mit den kulturellen Strukturen konzeptionell einbinden und verbessern. Diese Plattformen bieten ressortübergreifend einen Dialog zwischen kommunalen Entscheidern unter Einbindung öffentlicher und privater Kultur- und Bildungsträger. So entsteht z. B. mit dem Dortmunder U auf 80.000 qm das bundesweit erste Zentrum für Kreative Industrien mit dem Schwerpunkt Musik und Medien. Das Viktoria Quartier in Bochum wird zu einem neuen Zentrum für Performing Arts, Musik und Literatur eingebettet im Szeneviertel Bermuda3Eck weiterentwickelt. Durch die Verankerung der Kreativquartiere im Programm der Kulturhauptstadt eröffnet sich für die Städte die Chance, zu lernen, was in ihrer Stadt passiert und aufmerksam auf ihre „Kreativschätze“ zu werden. An die Menschen im Ruhrgebiet hat Dieter Gorny zudem eine eindeutige Botschaft: „Mischen Sie sich ein, kritisieren Sie, aber sehen Sie sich als Teil des Ganzen.“ Ulrich Fuchs, stellvertretender Intendant der Kulturhauptstadt Linz 09, gab einen Überblick über eine Vielzahl von Visionen und Projekten, die in Linz für das Kulturhauptstadtjahr entwickelt worden sind und sich als aussagekräftige Bilder in den Köpfen der Kulturhauptstadtbesucher verankern sollen. Dazu zählt u.a. das neue „Museum of the Future“ der Ars Electronica, das im Januar 2009 eröffnet wird. Auf spektakuläre und einzigartige Weise vereint das neue Ars Electronica Center eine Fülle von Funktionalitäten und ergänzt alte Stärken wie den intuitiven Zugang und die spielerische Vermittlung um Themen wie neue Bilder vom Menschen. Mit dem neueröffneten Wissensturm im Linzer Bahnhofsviertel haben die Stadtbibliothek, die Volkshochschule und die Medienwerkstatt eine zeitgenössische Unterkunft erhalten. Im 63 Meter hohen Wissensturm soll auf 15 Etagen und auf einer Gesamtfläche von 15.400 qm der Zugang zur Bildung erleichtert werden. Im Vorfeld zum Kulturhauptstadtjahr ermöglicht die Ausstellung LINZ TEXAS einen spielerischen Vergleich zwischen Linz und Städten aus allen Teilen der Welt. Was hat Linz mit Haifa, Wolfsburg oder Paris und Texas gemein? Welche Eigenschaften von Linz findet man auch in Moskau, Manchester oder Davos? LINZ TEXAS sucht und findet dafür Antworten. Die Ausstellung feierte im Architekturzentrum Wien Premiere und gastierte danach im Stadtmuseum Graz. Seit Dezember 2008 ist die Ausstellung auch in Berlin zu sehen; sie wird in einer Art Botschafterfunktion auf Reisen geschickt und kehrt erst in 2010 nach Linz zurück.Mit dem Baukultur Salon RUHR.2010 geht auch das Veranstaltungsjahr 2008 zu Ende. In 2009 widmet sich der Baukultur Salon den dann aktuell stattfindenden Europäischen Kulturhauptstädten Linz und Vilnius, sowie dem portugiesischen Bannerträger Porto 2001. Mit Tallinn wird ein Blick in die Zukunft gewagt, die estnische Hauptstadt wird 2011 Europäische Kulturhauptstadt sein. Kurz vor Beginn des Kulturhauptstadtjahres im Ruhrgebiet widmet sich der letzte Salon in 2009 den aktuellen Planungen der RUHR.2010.
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PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit: Oliver Wittke, Bauminister Nordrhein-Westfalen
Prof. Karl-Heinz Petzinka, Künstlerischer Direktor Architektur/Bildende Kunst RUHR.2010
Prof. Dieter Gorny, Künstlerischer Direktor Kreativwirtschaft RUHR.2010
Ulrich Fuchs, Stellvertretender Intendant Linz 2009
Moderation:
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010
Bilderbogen Ruhrgebiet

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