RÜCKBLICK Kulturelle Infrastrukturen: Bauliche Zeichen oder Kulturprogramm? Der zwölfte Baukultur Salon hatte die Vertreter der beiden Kulturhauptstädte Portugals Porto und Guimarães zum Gedankenaustausch in den stadtbauraum in Gelsenkirchen eingeladen.
Die unter Unesco-Welterbeschutz stehende Hafenstadt Porto liegt an der Mündung des Douro in den Atlantischen Ozean. Sie ist die wichtigste Industrie- und Handelsstadt, aber spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr 2001, nach einer weitreichenden Stadtsanierung und dem Bau der „Casa da Musica“, auch ein bedeutendes kulturelles Zentrum Portugals. Ebenfalls auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes steht die Altstadt von Guimarães. Nordöstlich von Porto gelegen ist sie als erste Hauptstadt des Landes „Die Wiege der Nation“ und trägt im Jahr 2012 den Titel Kulturhauptstadt Europas. Die rund 162.000 Einwohner arbeiten größtenteils in der dort niedergelassenen Textil- und Schuhindustrie. Kulturell hat Guimarães mit seinem gut erhaltenen historischen Stadtkern einige Sehenswürdigkeiten und Kunstmuseen mit sakraler, naiver und moderner Kunst zu bieten.
„Brücken in die Zukunft“ war das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt Porto 2001 und gleichzeitig Initialzündung für die längst überfällige Stadtsanierung. Das historische Zentrum und die mittelalterliche Ribeira-Altstadt sind wegen der engen Gassen verkehrstechnisch unzeitgemäß, jedoch hatte sich bis dato kein Stadtoberhaupt an die Aufgabe gewagt, die Infrastruktur zu verändern. Mit dem bevorstehenden Kulturhauptstadtjahr waren plötzlich die Motivation und das nötige Geld für den Umbau der zweitgrößten Stadt Portugals vorhanden, berichtet Prof. Teresa Lago, Astrophysikerin an der Universität Porto und Präsidentin von Porto 2001. Allein, die kurze Vorlaufzeit – die Vorbereitungen für die Kulturhauptstadt begannen 1999 – und die Tatsache, dass all die Sanierungsmaßnahmen der Straßen, Kanalisation, Beleuchtung und der Bau der neuen Metro gleichzeitig und mit zu wenig Arbeitskräften in Angriff genommen wurde, führte dazu, dass die Gäste von Porto 2001 sich mit einer unfertigen Kulturhauptstadt arrangieren mussten. Auch die Renovierungen einiger Kultureinrichtungen und Museen waren zur Eröffnung nicht abgeschlossen. Als eines der letzten Projekte von Porto 2001 wurde die Casa da Música, das die gleichnamige Kulturinstitution mit ihren drei Orchestern "Orquestra Nacional do Porto", "Orquestra Barroca" und "Remix Ensemble" beherbergt, entworfen von dem Architekten Rem Koolhaas, 2005 eingeweiht. Damit hat das Experiment eines Kulturhauptstadtjahres Porto und seinen ca. 300 000 Einwohnern ein vorzeigbares Erbe hinterlassen, so Prof. Teresa Lago rückblickend.
Für die Europäische Kulturhauptstadt Guimarães sieht Francisca Abreu, Kulturdezernentin und Leiterin der Bewerbung von Guimarães 2012 unzählige Chancen und eine Herausforderung, gemeinsam mit Gestaltern, Künstlern, Akteuren und den Bürgern Guimarães’ erst einmal auf sich selbst, die Kultur und die Geschichte zu blicken, um dann unter Einbeziehung und Beteiligung aller Interessierten ein gemeinsames Konzept zu realisieren. Eine Chance, öffentliche und private Institutionen, namhafte sowie anonyme Bürger, lokale, nationale und internationale Akteure in den Prozess zu involvieren und ein Netz von Kontakten, Kenntnissen, Arbeit und Gemeinsamkeiten zu entwickeln, das auch nach dem Kulturhauptstadtjahr weiter Bestand haben wird. Guimarães ist eine Kleinstadt mit relativ hoher Arbeitslosigkeit. Die Stadt verspricht sich von den Impulsen, ausgehend vom Status der Europäischen Kulturhauptstadt, eine Strahlkraft in die Zukunft mit verbesserten Infrastrukturen zum Leben und Arbeiten. Um die Atmosphäre in der Stadt zu verändern, sollen um den alten Markt herum Künstler und Kreative angesiedelt werden, das Kulturhauptstadtjahr einen Wechsel bringen.
Auf die Frage wie schwer es wirklich ist und was es braucht neue Perspektiven zu erzeugen und Wahrnehmung zu verändern, beantwortet Kurt Eichler, Raumplaner und Theaterwissenschaftler mit Blick auf das Dortmunder U, dem denkmalgeschützten Industriegebäude und ehemaligem Stammsitz der Union-Brauerei. Als einer der Bewerbungspunkte zur Kulturhauptstadt Europas 2010 ist die Umnutzung des U in ein Zentrum für Kunst und Kreativität symbolisch für den Wandel Dortmunds und zieht eine Aufwertung des gesamten westlichen Viertels nach sich und bietet eine kulturelle Attraktion über 2010 hinaus. Das U wird Museum, Forschungszentrum, Bildungsinstitut und Zentrum der Kreativwirtschaft. Rund um den Turm entsteht auf 80.000 Quadratmetern ein „Park der Ideen“, in dem sich Unternehmen der Kreativwirtschaft wie Plattenlabels, Designbüros, Buchverlage, Galerien und Ausbildungseinrichtungen für Medienberufe ansiedeln. Das U wird ein ganzes Stadtviertel sichtbar verändern.
Jan Liesegang, Architekt und Erik Göngrich, Künstler und gemeinsam Projektautoren von „non stop city“, gehören der Gruppe raumlabor berlin an. Eine Gruppe, die sich neben Architekturaufgaben mit Städtebau, Landschaftsarchitektur, Gestaltung des öffentlichen Raumes sowie künstlerischen Installationen und Aktionen beschäftigt, genreübergreifend und interdisziplinär arbeitet. Beide gehören sie einer Generation an, die neue Wege in der Architektur gehen muss – die Stadt wird von etablierten Architekturbüros gebaut. Für die RUHR.2010 setzen Jan Liesegang und Erik Göngrich mit dem Projekt KanalGlühen: NonStopCity an mehreren Wochenenden im April 2010 mit ihren Projektionen urbaner Utopien vom Schiff auf Ufer, Schleusen und Brücken den Rhein-Herne-Kanal in Szene. Indem sie den Kanal nächtlich erstrahlen lassen, eröffnen sich neue urbane Lebensräume in der Metropole.
Trotz der ganz unterschiedlichen Wege, Herangehensweisen und vor allem Größenordnungen der jeweiligen Projekte aller Referenten des heutigen Abends, hat sich ganz deutlich eine Essenz herauskristallisiert: Die frühzeitige Vernetzung mit den Bewohnern und deren aktive Partizipation in den Planungsprozess ist unverzichtbar. Beispielhaft dafür ist die temporäre Umwandlung der U-Bahnhaltestelle Eichbaum in eine Oper, um damit die Unwirtlichkeit dieses Ortes zu verwandeln. Ein weiteres Positivbeispiel ist die IBA – Internationale Bauausstellung Emscher Park, die auf der breiten Basis von Gemeinden, Unternehmen, Initiativen, Künstlern und Bürgern und vor allem vielen kleinteiligen Projekten den Strukturwandel auf städtebaulicher, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Seite in der alten Industrieregion vollzogen hat. Und auch in Porto konnten die vielen „Brücken in die Zukunft“ nur durch die sehr intensive Auseinandersetzung mit den Bürgern der Stadt und deren aktiven Beteiligungen realisiert werden. Auch wenn nicht alle Projekte umgesetzt und nicht alle Barrieren überwunden wurden, der positive Nachhall des Kulturhauptstadtjahres wirkt weiter. Und auch Francisca Abreu hat die Vision für die Europäische Kulturhauptstadt Guimarães 2012 unter intensiver Bürgerbeteiligung mit geringen Mitteln professionelle Wirkung zu erzeugen, ihre Stadt und die gesamte Region mit Kreativität und Kultur zu regenerieren.
Der letzte Baukultur Salon in diesem Jahr am Donnerstag, den 12. November 2009 widmet sich wieder der Kulturhauptstadt RUHR.2010 und stellt das finale Baukultur Programm der RUHR.2010 vor und zur Diskussion.
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PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit:
Prof. Teresa Lago, Universität Porto, Präsidentin Porto 2001
Francisca Abreu, Kulturdezernentin Guimarães, Leiterin Bewerbung Guimarães 2012
Kurt Eichler, Raumplaner und Theaterwissenschaftler
Jan Liesegang, raumlabor berlin, Projektautor „non stop city”
Erik Göngrich, Künstler und Projektautor „non stop city”
Moderation:
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010
Anne Kraft, StadtBauKultur NRW
Imbiss und Bilderbogen Porto und Guimarães

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