RÜCKBLICK Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 zu Gast in München – im Rahmen der Architekturwoche München und in Kooperation mit dem Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Stadt München.
Nur noch fünf Zechen im Ruhrgebiet sind aktiv. Während Mitte der 1950er Jahre mehr als 400.000 Menschen im Bergbau beschäftigt waren, sind es jetzt weniger als 30.000. Der Mythos von rauchenden Schloten, „verstaubter Sonne“, kaum Hochkultur und dreckigen, zubetonierten Städten existiert noch immer in den Köpfen vieler, die die Region nicht kennen. Dass die Realität eine völlig andere ist, zeigt die diesjährige Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010.
In München diskutierten die Gäste des Baukultur Salons zukunftsweisende Ansätze der Stadtentwicklung und suchten Antworten auf die Fragen „Welche Parallelen finden sich in dem Wechselspiel zwischen Stadtentwicklung und Bürger und Theatermachern mit dem Publikum?“, „Wie verändert der Ort das Spiel, wie das Spiel den Ort?“. Dabei bot das ehemalige Kaufhaus am Dom den Gästen einen Salon-unkonventionellen und damit passenden Rahmen. Zwischen damaliger Parfümerie- und Delikatessenabteilung konnte schon die experimentelle Herangehensweise der Kulturhauptstadt an Fragen einer zeitgemäßen Stadtentwicklung in Zusammenarbeit mit Künstlern, Galeristen, Museumsleitern, Theatermachern in Szene gesetzt werden.
Nicht nur das Kaufhaus als Symbol des Stadtzentrums beeinflusst Stadt und Stadtgesellschaft, sondern auch im Theater wurden von jeher die gesellschaftlich relevanten Themen verhandelt. Das Ruhrgebiet ist dabei hinsichtlich der Zahl der Theater eine der dichtesten Theaterregionen Europas. Das Schauspielhaus Bochum, das Aalto Theater in Essen oder die Ruhrfestspiele in Recklinghausen sind Spielstätten internationalen Renommees. Dennoch fehlt der Region die städtische Mitte und die bürgerliche Verständigung, die Kultur unbedingt braucht, so Frauke Burgdorff, Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume, in ihrem Eröffnungsplädoyer für das Ruhrgebiet. Schon in der Bewerbungsphase habe sich deshalb das Querdenken gelohnt, um Handlungsräume von Künstlern, Kuratoren und Bürgern zu erweitern, miteinander zu verbinden und die Zukunft von Kultur im Ruhrgebiet positiv zu entwickeln. Eine kurze Vorstellung einiger Projekte wie B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße, Still-Leben Ruhrschnellweg oder Odyssee Europa veranschaulichte bereits zu Beginn des Salons, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit die Kulturhauptstadt birgt und was die Bürger von Kultur einfordern. Dabei geht es um das Erleben, das Einbezogenwerden und nicht um große bauliche Signets.
In der anschließenden, von Ulrike Rose, Leiterin von StadtBauKultur NRW, moderierten Diskussion betonte Björn Bicker, dass sich auch Theater in einer Stadt wie München, eine Stadt mit Zentrum und bürgerlicher Verständigung, immer wieder fragen muss „Wem gehört die Stadt?“, „Wie soll Stadt eigentlich aussehen?“ und „Was ergeben sich daraus für Themen für Theater?“. Das bedeute für ihn als Autor, Dramaturg und künstlerischen Leiter, die klassische Spielstätte, das Theater, zu verlassen und die eigene Kunstform zu hinterfragen. Diese Möglichkeit für ein „anderes“ Theater und die Chance mehr über Stadt und Stadtgesellschaft zu erfahren, biete das Ruhrgebiet, besonders im Jahr als Kulturhauptstadt Europas, so Sabine Reich, Dramaturgin beim Schauspielhaus Bochum. Theater nutzt hier den temporären, fast schon anarchischen Moment des Freiraums, stellt Bestehendes in Frage. Doch wie nachhaltig sind diese Projekte? Wo liegt die Verantwortung im Nachhinein? Wie kann die Vorarbeit von Städten weitergeführt werden? Sabine Reich zog hier eine klare Grenze zwischen der Pionierarbeit der Theatermacher und weiterführender sozialer Arbeit vor Ort. Währenddem Björn Bicker klarstellte, dass eben diese Grenze mehr und mehr verwischt und es sich Künstler zu einfach machen, wenn sie sich bei der Frage um Nachhaltigkeit aus der Verantwortung ziehen. Er würde sich wünschen, dass mehr temporäre Theaterprojekte in eine Dauerhaftigkeit überführt werden würden. Dass sich durch diese Forderung nach Institutionalisierung viele innovative Projekte selbst blockieren, beurteilt Elisabeth Merck, Stadtbaurätin in München, als Hemmnis in einer innovativen Stadtentwicklung. Ebenso sollten Kulturschaffende ihren Blick nicht nur auf das Zentrum einer Stadt, sondern auch in ihre Peripherie richten, so der Appell von Elisabeth Merck an die anwesenden Künstler. Ihre Aufgabe als Stadtbaurätin sei es, die Sehnsuchtsorte der Menschen heraus zu finden und hier für die bauliche Entwicklung Verantwortung zu tragen.
Das Ruhrgebiet ist dezentral, heterogen und experimentell. Künstler unterschiedlichster Disziplinen eignen sich Räume an, nutzen sie um, probieren sich aus. München und die Ruhrregion bieten ganz unterschiedliche Möglichkeiten des Verhältnisses zwischen Kunst und Raum. Jede Stadt muss ihren eigenen Weg finden, so Achim Dahlheimer, Referatsleiter im nordrhein-westfälischen Bauministerium, aus dem Publikum. Er wünsche sich jedoch, dass die bayrische Landeshauptstadt dabei seine konventionellen Schranken durchbricht.
Einig darüber war man sich, dass die großen strukturellen Probleme des Ruhrgebiets durch ein Jahr Kulturhauptstadt Europas nicht zu lösen sind. Die Kulturhauptstadt bleibt ein Festival. Jedoch hat sie einen Umdeutungsprozess in Gang gesetzt, in dem die Zechen nicht mehr für Verlust, sondern für Gestaltbarkeit stehen. In dem Kultur neu interpretiert wird und sich spannende Netzwerke zusammengeschlossen haben. Auch für die Städte des Ruhrgebiets bedeutete dies, ihr Kirchturmdenken aufzugeben und gemeinsam Projekte zu realisieren. Eine zukünftige Strategie könne geprägt sein durch die Parameter Kooperation und Eigensinn, so Eckhart Kröck, Planungsverantwortlicher Stadt Bochum. Dass die Kulturhauptstadt etwas bewegen kann, wurde an diesem Salon-Abend deutlich, betonte auch noch einmal Peter Zlonicky, damaliger wissenschaftlicher Direktor der Internationalen Bauausstellung Emscher Park.
Damit nicht nur die Münchner erfahren, dass das Ruhrgebiet mehr ist als Fußball, Zechen und Currywurst, reist der Baukultur Salon weiter nach Hamburg (05. August 2010) und Leipzig (19. August 2010).
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PROGRAMM
Begrüßung und Einführung in die Fragestellung des Abends:
Katja Aßmann, Programmleiterin Architektur / Bildende Kunst RUHR.2010
Vortrag und Diskussion mit: Frauke Burgdorff, Mentorin der Bewerbungsphase zur
Kulturhauptstadt 2010, Vorstand Montag Stiftung Urbane Räume
Sabine Reich, Dramaturgin, Schauspielhaus Bochum, Theater der Welt,
Schauspiel Essen
Prof. Dr. Elisabeth Merck, Stadtbaurätin, München
Björn Bicker, Autor, Dramaturg, künstlerischer Leiter, u.a. Kammerspiele
München
Moderation:
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Stimme aus dem Publikum: Eckart Kröck, Planungs-verantwortlicher Stadt Bochum
Imbiss, Bilderbogen und Filme RUHR.2010 |
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