RÜCKBLICK Liverpool 2008 – Baustelle Stadt, ein Zukunftsversprechen des Wandels?
Seit Anfang des Jahres zeigt sich Liverpool mit spannenden Ausstellungen, zahlreichen Veranstaltungen und urbanen Interventionen im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2008. Eine Gelegenheit, beim dritten Baukultur Salon in 2008 am 04. September im stadtbauraum in Gelsenkirchen die Macher von Liverpool 08 einzuladen und mit Ihnen die Frage zu diskutieren: „Baustelle Stadt, ein Zukunftsversprechen des Wandels?“ Denn dass sich Liverpool im Kulturhauptstadtjahr auch als eine Art Bauhauptstadt präsentiert, zeigte sich bereits bei der Eröffnungsfeier im Januar dieses Jahres: Die Künstler wurden in einem Container von einem Baukran auf die Bühne gehievt; Ringo Starr und seine Kollegen trugen Bauarbeiterkleidung als Symbol für die zupackende Aufbruchstimmung. In den nächsten Jahren sollen fünf Milliarden Pfund in Bauvorhaben investiert werden, die Stadtlandschaft verändert sich fortwährend.
Einst eine der bedeutendsten Handelsstädte der Welt, wurde Liverpool (435.500 Einwohner in 2007) im Verlauf des 20. Jahrhunderts zum Sinnbild für Niedergang, Armut und Trostlosigkeit. Die eklatanten Folgen der Deindustrialisierung und des Bedeutungsverlustes des Hafens seit den 1950er Jahren sind in einigen Stadtteilen noch heute sichtbar. Doch mit der erfolgreichen Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2008 zelebriert Liverpool den Weg aus der Krise mit Kultur. In den letzten Jahren konnten besonders in den Bereichen Dienstleistungen und Tourismus zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen werden; der Wirtschaftszweig „Kultur“ beschäftigt schon jetzt über 20.000 Menschen in der Region. Neue kulturelle Einrichtungen verhelfen der Stadt zum wirtschaftlichen Aufschwung. So findet sich in einem liebevoll restaurierten Lagerhaus in den Albert Docks eine Dépendance der weltbekannten Londoner Tate Gallery. Hinzu kommen Museen, weitere Galerien und mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra außerdem ein international renommiertes Orchester. Die aufstrebende Filmindustrie, die sich in der alten Hafenstadt am Mersey und im Umland angesiedelt hat, trägt entscheidend zum vielfältigen Liverpooler Kulturleben bei. Mit der Gleichung „Kultur zieht Wirtschaft an, Wirtschaft schafft Arbeitsplätze und Kaufkraft, Kaufkraft wiederum fließt auch in Kunst und Kultur“ rechnet sich Liverpool weitere Chancen für seine wirtschaftliche Entwicklung aus. Die Stadt öffnet sich wieder zum Fluss Mersey und zu den Docks hin, die einst die Welt bedeuteten.
„The river is the city, and the city is the river“, so Rob Burns, Stadtplaner und Berater Liverpool 08. Die historische Hafenanlage hat sich zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Besucher der Stadt gemausert, war sie doch die Grundlage für den ehemals immensen Wohlstand der Stadt. Der Handel mit den Westindischen Inseln und die großen Profite aus dem Sklavenhandel – nahezu drei Viertel des gesammten europäischen Sklavenhandels liefen im 17. Jahrhundert über Liverpool – sorgten dafür, dass Liverpool mit Beginn des 18. Jahrhunderts zu einer der reichsten Handelsstädte der Welt wurde. Noch in den 1950er Jahren waren ca. 70.000 Menschen im Hafen beschäftigt. Der Abstieg des ehemals größten Handelshafen Europas begann in den fünfziger Jahren, als die Stadt vom Strukturwandel unvorbereitet getroffen wurde: 1989 besiegelte die Thatcher-Regierung mit der Privatisierung des Hafens den Niedergang endgültig. Übrig geblieben sind ein mittelprächtiger Containerhafen, geschlossene Werften und verlassene Arbeiterviertel. Liverpool avancierte zur No-Go-Area. „You didn´t go to Liverpool, more importantly investors didn´t go to Liverpool”, konstatiert Rob Burns. Mit dem Kulturhauptstadtjahr verbindet er jedoch eine neue Zuversicht: der Bevölkerungsschwund konnte gestoppt werden, jedes öffentlich investierte Pfund zieht zehn Pfund an Privatinvestitionen nach sich. Im Zentrum werden baufällige Straßenzüge reanimiert und der Bau eines 225 Millionen Pfund teuren Tramsystems steht bevor. In der Innenstadt fokussieren sich die Stadtplaner auf die Schaffung von Qualität der Plätze und öffentlichen Räume. Rob Burns rechnet nicht nur mit einer erheblichen Verbesserung der urbanen und regionalen Siedlungs- und Verkehrs-Infrastruktur, sondern auch mit einer Revitalisierung der Problemzonen der Stadt. Die Kulturhauptstadt wird somit zum Impulsgeber für städtebauliche Visionen und Masterpläne. Und das obwohl das Programm zur Kulturhauptstadt Liverpool 08 urbane Interventionen lediglich über die temporären Aktivitäten der Liverpool Biennale vorsieht.
Die Liverpool Biennale ist das größte Festival zeitgenössischer Kunst in Großbritannien und bietet seit 1998 alle zwei Jahre Künstlern ein Forum, sich mit Stadt und öffentlichem Raum auseinanderzusetzen. „Good public art is the perfect marriage between the right artist and the right side (of the city)“, so Laurie Peake, Programmdirektorin der Liverpool Biennale. Ziel ist es, durch künstlerische Interventionen die Öffentlichkeit für die gebaute Umwelt zu sensibilisieren und neue Perspektiven zu eröffnen. Dabei sind manche Interventionen permanent, andere nur temporär angelegt. So zum Beispiel die Installation des Künstlers Richard Wilson „Turning the Place Over“. An der Fassade des verfallenen ehemaligen Yates’s Wine Lodge Gebäudes in Liverpool hat Wilson ein acht Meter großes rundes Stück aus der Fassade entfernt und an einem riesigen Drehgelenk befestigt, so dass die Platte rotiert wie ein großes, sich öffnendes und schließendes Fenster und den Passanten einen Blick in das Innere gewährt. „Turning the Place Over“ ist noch bis Ende 2008 zu sehen, dann wird das Gebäude abgerissen. Richard Wilson hat mit seiner Installation dem fortwährenden Veränderungsprozess der Stadt ein Gesicht gegeben. Ein weiteres Projekt im Rahmen der Liverpool Biennale mit nachhaltigem Effekt ist die Skulptur „Superlambbanana“ von Taro Chiezo. Seit zehn Jahren ist die Kreuzung aus einer Banane und eines Lamms das Wahrzeichen Liverpools als ehemalige Hafen- und Handelsstadt und findet sich in dutzenden Merchandise-Artikeln wieder. Sowohl die temporären als auch die dauerhaften künstlerischen Arbeiten im Rahmen der Biennale visualisieren auf nachhaltige Weise die Auseinandersetzung mit Stadt und öffentlichem Raum. Dabei ist das Kulturhauptstadtjahr 2008 nur eine Station; der Prozess setzt sich auch nach 2008 fort.
Auch für die Entwicklung des Ruhrgebiets kann daher das Kulturhauptstadtjahr 2010 nur ein Etappenziel sein, so Dr. Ernst Kratzsch, Stadtbaurat in Bochum. Im Fokus dieser Entwicklung steht dabei die Vernetzung und Zusammenarbeit der einzelnen Städte im Ruhrgebiet, auch nach 2010. Dr. Ernst Kratzsch stellt u.a. ein Beispiel für diese Zusammenarbeit vor: das Projekt Stadtraum B1/A40. Dabei wird die Bundesstraße B1/Autobahn A40 zu einem Labor der Stadtkultur gemacht. In einer 75 km langen Ausstellung wird die zentrale Verkehrsachse des Ruhrgebiets als der urbane Boulevard der Region inszeniert, die sich wie keine andere aus ihrer Alltagskultur und ihrem Strukturwandel heraus selbst entworfen hat und permanent neu erfindet. Neben dezentralen Kulturtankstellen, die Empfangs- und Vermittlungsort sowohl für Stadtraum B1/A40, als auch für die Spielorte und das Programm der Kulturhauptstadt als Ganzes sind, wird auf der Grundlage von GPS basierten Navigationssystemen ein Orientierungssystem entwickelt, dass die Navigation im Raum mit Informationen über die Region, die Ausstellung und die Kulturhauptstadt verknüpft. Dabei soll nicht nur eine Ausstellung konzipiert werden. Unter Federführung der Stadt Bochum arbeiten die Anrainerstädte bereits an einem Masterplan zum Mobilitätsband A40, der in Teilen bis 2010 umgesetzt wird und einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen wagt. Als Gestalthandbuch soll er als Grundlage für Baurecht dienen und neue Perspektiven aufzeigen. Damit unterstützt Dr. Ernst Kratzsch die Aussagen der Gäste aus Liverpool: Der Prozess, der mit dem Kulturhauptstadtjahr in Gang gesetzt worden ist, darf nicht mit ebendiesem stoppen, sondern muss verstetigt werden.
Mit ihrem Selbstvertrauen und ihrer Aufbruchstimmung zeigt Liverpool in 2008, was auch für die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010 möglich sein kann. Diese Haltung sich zum Vorbild nehmen, das propagiert Achim Dahlheimer, Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen. Er fordert von den Politikern, sich aus dem Kunstprogramm heraus zu halten und ruft die Macher von RUHR.2010 mit ihren Ideen zur Unangepasstheit auf; warnt jedoch eindringlich davor, die zukünftige Kulturhauptstadt Europas nicht mit zu vielen Ansprüchen zu überfrachten.
Viele Probleme, die die Region aufweist, sind auch durch dieses, eines der umfassendsten Stadtentwicklungsprogramme nicht zu lösen. Jedoch kann es wichtige Impulse für zukünftige Visionen geben. Für Achim Dahlheimer hat der Baukultur Salon Liverpool 2008 gezeigt, dass im Jahr 2010 noch nicht jeder Baukran im Ruhrgebiet abgebaut sein muss; der Baukran steht vielmehr für ein Synonym des Fortschritts. Wichtiger ist, die Aufbruchstimmung, die mit dem Kulturhauptstadtjahr einher geht, für zukünftige Visionen und Experimente zu nutzen.
Europas neue Metropole ist Leitmotiv und Herausforderung für das Themenfeld „Stadt der Möglichkeiten“ der RUHR.2010. Daher diskutieren Nordrhein-Westfalens Bauminister Oliver Wittke und Prof. Karl-Heinz Petzinka am 26. November 2008 im Rahmen des letzten Baukultur Salons in 2008 gemeinsam mit anderen Kulturhauptstadtexperten die Frage: Neue Architekturen und Kreative Quartiere – Zukunftsbilder für das Ruhrgebiet?
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PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit:
Rob Burns, Stadtplaner und Berater Liverpool08
Laurie Peake, Programmdirektorin Liverpool Biennale
Dr. Ernst Kratzsch, Stadtbaurat Bochum
Achim Dahlheimer, Referatsleiter Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen
Moderation:
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010
Bilderbogen Liverpool und Live-Musik

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