Baukultur Salon Linz

Ort
stadtbauraum (Gelsenkirchen)
Laufzeit
07. Mai 2009

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RÜCKBLICK Kulturhauptstadt – eine Bauaufgabe oder ein Aufruf an die Zivilgesellschaft? Mit knapp 200.000 Einwohnern ist Linz die drittgrößte Stadt Österreichs. Als Nabel der Welt galt Linz deshalb noch lange nicht. Kein Barock-Charme, keine Pferdekutschen-Romantik, nicht einmal ein Alpenpanorama hat Linz zu bieten. Zudem gelangte die oberösterreichische Stadt zu zweifelhaftem Ruhm, als Hitler, der in Linz die Schule besuchte, der Stadt eine hervorgehobene Rolle im Reich nach dem Krieg zudachte. Mit den Reichswerken Hermann Göring wurde der Grundstein für die industrielle Gegenwart von Linz gelegt. So ist Linz heute – anders als das Ruhrgebiet – noch immer maßgeblich industriell aktiv. Linz, als die Europäische Kulturhauptstadt 2009, hat damit ein schweres Erbe zu tragen. Dabei ging Linz in das Kulturhauptstadtjahr, anders als das Ruhrgebiet, als eine gesunde und produktive Stadt mit einer Erwerbslosenquote von nur etwa 2,5 Prozent. Doch selbst ihre Bewohner mussten vom „modernen“ Linz überzeugt werden. Kann die Europäische Kulturhauptstadt diese Aufgabe erfüllen? Ist sie Bauaufgabe oder ein Aufruf an die Zivilgesellschaft? Diese Frage stellten die beiden Moderatorinnen Ulrike Rose, StadtBauKultur NRW, und Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010, den Referenten, die am 07. Mai 2009 zum zehnten Baukultur Salon in den Gelsenkirchener stadtbauraum gekommen waren.
Martin Heller, Intendant der Europäischen Kulturhauptstadt Linz 09, bewertet zwar große Architekturen wie das Kunsthaus von Peter Cook der Linzer Nachbarstadt Graz oder auch den Neubau der Ars Electronica in Linz als Aushängeschilder mit Anziehungskraft, dennoch reise niemand wegen einer Architektur in eine Europäische Kulturhauptstadt. Ein wirkungsvolles Programm bedarf mehr. Was dieses „mehr“ in Linz bedeutet, davon überzeugte Martin Heller mit seinen mitgebrachten Bildern aus dem Programm zum Kulturhauptstadtjahr. Das Jahr ist angefüllt mit Ausstellungen wie der über die „Kulturhauptstadt des Führers“, mit Konzerten, Festivals, Theateraufführungen, Lesungen oder Architekturprojekten wie das Pixelhotel, das ungenutzte, über ganz Linz verteilte Räume als Hotelzimmer adaptiert. Das Programm, so Martin Heller, muss auf die Wünsche, Begehrlichkeiten und Bedürfnisse der Stadt zugeschnitten sein. Linz´ Rolle in der Vergangenheit als „underdog“ in Österreich und seine industrielle Gegenwart sind dabei besonders zu berücksichtigen. Linz als Europäische Kulturhauptstadt 2009 ist damit für Martin Heller zum Einen Krönung eines bereits erfolgreichen Weges, zum Anderen aber auch ein Arbeitsstipendium für die Stadt, die noch immer zu wenig Außenwirkung hat.
Dass in Linz nicht die großen Bauprojekte im Vordergrund des Kulturhauptstadtprogramms stehen, betont auch Michael Frank, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Wien. Um die Stadt auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus interessant und vielfältig zu gestalten, gilt es in Linz eine neue „Psychologie einer Stadt“ aufzubauen. Den Linzern ein neues Selbstbewusstsein als Stadtgemeinschaft zu geben, sei das größte Bauprojekt, so Michael Frank. Denn Linz ist seit jeher geprägt durch Pendler, die zum arbeiten, studieren oder einkaufen in die Stadt kommen, die aber außerhalb wohnen und sich mit ihrer Gemeinde identifizieren. Die Kulturhauptstadt bietet den Bewohnern die passenden Anlässe, Linz als ihre Stadt zu begreifen.
Anselm Weber, Intendant des Schauspiel Essen, betont, dass das Ruhrgebiet ihn zwingt, offen zu sein und neue Perspektiven zu zulassen. Eine neue Sichtweise erfordere auch der offen formulierte Kulturbegriff im Ruhrgebiet. „Ein fehlender Kulturbegriff ist der Begriff der Gemeinsamkeit“, der sich insbesondere in der gegenseitigen Abgrenzung der Kommunen im Ruhrgebiet zeigt, so Anselm Weber. Eine Vision für das Kulturhauptstadtjahr in der Region ist daher ein großes gemeinsames Theaterprojekt aller Theater innerhalb des Ruhrgebiets. ODYSEE | EUROPA ist ein Projekt vom Schauspielhaus Bochum, Schauspiel Dortmund, Schauspiel Essen, Schlosstheater Moers, Theater an der Ruhr Mülheim und Theater Oberhausen. Sechs europäische Autoren lassen sich von Homers „Odyssee“ zu einer neuen szenischen Erzählung inspirieren. Dabei werden sie, im freien Umgang mit den Motiven des Epos, die Figuren aus ihrer Geschichte heraustreten lassen und einen unvertrauten Blick auf den Kontinent, die Menschen und die europäische Kultur werfen. Erschwert wird die Zusammenarbeit durch die finanzielle Situation der Städte im Ruhrgebiet. Die soziale Komponente wird da in manchen Fällen gegen die Kultur-Komponente ausgespielt, so Anselm Weber.
Markus Ambach, Künstler und Kurator des RUHR.2010-Projektes B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße, sieht in der finanziellen Situation ein großes Potenzial für die endogenen Kräfte der Region. Trotz mangelnder Ressourcen haben die Menschen im Ruhrgebiet schon immer großartige Projekte in Bewegung gesetzt. Hier knüpft auch das Projekt B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße. an. Markus Ambach berichtet vom Enthusiasmus der lokalen Akteure. Gemeinsam mit den Bewohnern entlang des Ruhrschnellwegs werden neue künstlerische Projekte generiert und bestehende in das Projekt implementiert. Ziel ist es, das Gebiet entlang des Schnellwegs als Lebensraum erfahrbar zu machen. Für Markus Ambach liegt die Stärke der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 darin, bereits bestehende Strukturen zu unterstützen und das vorhandene Potenzial, das wörtlich auf der Straße liegt, zu nutzen.
Zwei Kernbotschaften kristallisierten sich bei diesem Baukultur Salon zu Linz 2009 heraus: Das Kulturhauptstadtjahr ist ein „kultureller Ausnahmezustand“. Neben dem klassischen Bauprogramm liegt die Herausforderung im Aufbau einer neuen „Psychologie einer Stadt“. Der elfte Baukultur Salon befragt am 25. Juni 2009 um 19 Uhr im stadtbauraum die parallel zu Linz stattfindende Kulturhauptstadt Europas Vilnius 2009 sowie den estländischen Nachbarn Tallinn 2011.

 

PROGRAMM

Vortrag und Diskussion mit:
Martin Heller, Intendant Linz 2009
Michael Frank, Korrespondent Süddeutsche Zeitung, Wien
Anselm Weber, Intendant Schauspiel Essen
Markus Ambach, Kurator „B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße“, RUHR.2010

Moderation:
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010

Imbiss und Bilderbogen Linz