RÜCKBLICK Der
dritte Baukultur Salon am 27. September 2007 betrachtete unter dem
Motto „Verbindet Baukultur Regionen?“ die Europäische
Kulturhauptstadt Lille.
Die nordfranzösische Stadt Lille war 2004 Kulturhauptstadt
Europas. Lille liegt ca. 330 km südwestlich vom Ruhrgebiet,
gute drei Stunden Autofahrt entfernt, in der Region Nord-Pas de
Calais.
Die Stadt liegt am Fluss Deûle an der Grenze zu Belgien in
Französisch-Flandern, dem heute zu Frankreich gehörenden
Teil der historischen Grafschaft Flandern. Lille hat ca. 220.000
Einwohner, davon viele Studenten. Die Metropolregion Lille ist mit
1.1 Mio. Einwohnern das drittgrößte Ballungsgebiet nach
Paris und Lyon und steht bezüglich der Einwohnerdichte in Frankreich
an zweiter Stelle.
Lille und seine Umgebung haben eine ähnliche Geschichte wie
viele Städte des Ruhrgebiets. Wie in den Städten am Hellweg
spielte der Handel ab dem Mittelalter eine große Rolle in
der damaligen Hansestadt und Hauptstadt von Südflandern.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts boomte die Industrie,
insbesondere die Textilindustrie (Verarbeitung von Baumwolle und
Seide) wie auch die Hüttenindustrie. Bis in die 60er Jahre
war die Region um Lille herum eine der wichtigsten industriellen
Zonen Frankreichs.
Dann brach die Schwerindustrie zusammen, die Textilproduktionen
wurden in die Billiglohnländer verlagert und Hunderte Fabriken
schlossen, Tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Die Industriestadt
Lille verschwand von der Landkarte Frankreichs und Europas.
Die Gäste aus Lille berichteten, wie
sich die Stadt Lille wieder für das Land präsent machte
und welche Rolle dabei die Ausrichtung der Kulturhauptstadt und
deren baukulturellen Projekte spielten.
Einen
ersten Überblick über das damalige Programm der Kulturhauptstadt
Lille gab der Festivalkoordinator Emmanuell Vinchon, der 2004 für
die regionalen Projekte im Rahmen der Kulturhauptstadt zuständig
war. Das besondere an Lille war die erstmalige Einbindung einer
gesamten Region, bestehend aus 186 Städten und Gemeinden. Die
Region hatte sich erstmalig zusammengefunden, als es um den Bau
eines TGV-Haltepunktes zwischen Großbritannien und dem europäischen
Festland ging. Der TGV-Haltepunkt und das hochmoderne, von Rem Koolhaas
geplante Areal Euralille brachte einen enormen Entwicklungsschub
auf die durch die Industriekrise gebeutelte Stadt.
Das Netzwerk der Region wurde noch enger, als Lille und die Region
sich für die Olympischen Spiele 2004 bewarben. Als sich Frankreich
dazu entschloss, dass Lille der Bannerträger für die Bewerbung
um die Spiele sein soll, war dies von besonderer Bedeutung für
die krisengeschüttelte Stadt, auch wenn sich das Olympische
Komitee für die Ausrichtung der Spiele in 2004 für Athen
entschied.
Dieses neu gefundene regionale Netzwerk um die Olympiabewerbung
holte dann den Zuschlag zur Europäischen Kulturhauptstadt 2004
und unterstützte mit vielen eigenen Produktionen und Aktionen
das Programm der Kulturhauptstadt 2004 lille2004lille.free.fr.
Das regionale Netzwerk agiert weiter kooperativ mit den Akteuren
der Nachfolger-Plattform Lille 3000 www.lille3000.com.
Der Historiker und Journalist Laurent Tricart ergänzte die
Ausführungen von Emmanuell Vinchon mit seinem Bericht über
die zwölf im Rahmen der Aktivitäten für die Kulturhauptstadt
2004 errichteten Maisons Folies lille2004lille.free.fr/Videos/Akimahen!.avi.
Die über die Landesgrenzen bis nach Belgien neu entstandenen
Kulturzentren wurden alle in bestehenden, quartiersprägenden
Gebäuden eingerichtet. Ziel dieser neuen Einrichtungen war
und ist es, mit der Kultur in die Nebenzentren zu gehen und den
Quartiersbewohnern die Möglichkeiten zu geben, neben den Häusern
der Hochkultur mit Theater, Tanz und Musik in Berührung zu
kommen. Zehn der zwölf Maisons Folies sind weiter in Betrieb
und stemmen ein enorm vielfältiges Programm mit einem eher
kleinen Budget.
Der Leiter der Abteilung Städtebau und Raumplanung, Francois-Regis
Cypriani berichtete von den großen städtebaulichen Veränderungen,
die für die Ausrichtung des Kulturhauptstadt-Jahres unternommen
wurde. Neben den ca. 70 Mio. Euro, die Lille für die Projekte
der Europäischen Kulturhauptstadt verausgabte, standen der
Stadtverwaltung weitere ca. 70 Mio. Euro für Umbaumaßnahmen
zur Verfügung. Beispielsweise wurde die Achse vom TGV-Bahnhof
in die historische Innenstadt von Lille komplett neu gestaltet.
Innerhalb von wenigen Stunden kann die breite Einkaufsstraße
jetzt in einen großen Veranstaltungsbereich umgewandelt werden.
Poller, Bänke, Papierkörbe, Beleuchtung sind mobil und
flexibel nutzbar. Auf dieser Straße fand dann auch am 6. Dezember
2003 die große Eröffnungsparty mit 600.000 Gästen
statt, die zu einem rauschenden Fest wurde und für viel positive
Unterstützung durch die Bewohner von Lille gesorgt hat.
Für die Kulturhauptstadt RUHR.2010 wird die regionale Netzwerkbildung
ebenso eine besondere Rolle spielen. Michael von der Mühlen,
Stadtbaurat in Gelsenkirchen, informierte die Salon-Besucher über
das fortbestehende Netzwerk der Initiative „Stadt 2030“
und seine Bedeutung für die Vernetzung der 53 Städte für
die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010. Der Ideenwettbewerb
„Stadt 2030“ wurde im April 2000 vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung BMBF ausgeschrieben. Er lud alle
deutschen Kommunen mit mehr als 20.000 Einwohnern ein, Zukunftskonzeptionen
und Leitbilder für ihre Stadt und Region zu formulieren, deren
Perspektive über drei Jahrzehnte reicht. In der Ruhrregion
haben sich die Städte Duisburg, Mülheim/Ruhr, Oberhausen,
Essen, Gelsenkirchen, Herne, Bochum und Dortmund zusammengetan und
ein Leitbild für ihre langfristige, nachhaltige Entwicklung
erarbeitet. Dieses Netzwerk trifft sich weiterhin und einigt sich
auf gemeinsame und nachhaltige Stadtentwicklungsprojekte, die im
Kulturhauptstadt 2010 präsentiert werden sollen.
Auch
der Projektautor der „Schachtzeichen“, Dr. Volker Bandelow arbeitet im Netzwerk, dem der Kulturhauptstadt-Beauftragen. Jede
der 53 Städte des Ruhrgebiets hat in diesem Jahr einen Kulturhauptstadt-Beauftragten
benannt. Sie treffen sich bis zum Jahr 2010 in regelmäßigen
Zeitspannen und werden ihre Projektideen austauschen. So vernetzt
sich die Ruhrregion immer stärker und zieht gemeinsam mehr
und mehr am gleichen Strang.
Das für RUHR.2010 geplante Projekt „Schachtzeichen“
plant die Markierung von über 700 Schächten in allen 53
Städten im Ruhrgebiet mit Hilfe von Ballons. Die Schachtzeichen
markieren die Wurzeln des Ruhrgebietes und machen den Strukturwandel
sichtbar. Alle Städte sind aufgefordert, rund um die Markierung
eigene Aktionen vorzubereiten. Auch diese Aktion wird sicher zur
stärkeren Vernetzung der Metropolregion Ruhr beitragen.
Das Fazit der Moderatorin Ulrike Rose lautet nach der zweistündigen,
lebhaften Diskussion, dass Baukultur Regionen verbindet, wenn aktive
Netzwerke vorhanden sind.
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PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit:
Emmanuell Vinchon, Künstlerischer Berater Lille 3000
Laurent Tricart, Direktor Maison Folie Wazemmes, Lille 2004
Frangois-Régis Cypriani, Stadtbaurat Lille
Michael von der Mühlen, Stadtbaurat Gelsenkirchen
Dr. Volker Bandelow, Projektautor Schachtzeichen zur Kulturhauptstadt RUHR.2010
Moderation: Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Präsentation der Metamorphoses, temporäre urbane Installationen in Lille 2004 bei französischer Musique Musette |