RÜCKBLICK Istanbul 2010 –
Kulturhauptstadt als Motor visionärer Stadtplanung?
Am 08. Mai 2008 startete der Baukultur Salon sein zweites Veranstaltungsjahr mit einer Diskussion rund um die Baukultur Istanbuls, das neben dem Ruhrgebiet und dem ungarischen Pécs in 2010 den Titel Europäische Kulturhauptstadt trägt.
Es ist schon eine Besonderheit, dass ein nicht zur Europäischen Union zugehöriges Land, den von eben dieser Instanz in 1985 initiierten Titel verliehen bekommt. Besonders erstaunlich ist es, dass die erfolgreiche Bewerbung auf eine komplett bürgerliche Initiative mit ausschließlich ehrenamtlich arbeitenden Persönlichkeiten zurückgeht.
Nuri Colagoglu ist ein Mann der ersten Stunde, ein Mann voller Visionen und Tatendrang, der neben seiner Arbeit in der Medienlandschaft in Europa und Asien, Intendant der Europäischen Kulturhauptstadt Istanbul 2010 ist. Der Impulsvortrag von Nuri Colakoglu startete mit einigen Kerndaten zur Millionenmetropole Istanbul. Offiziell leben 14 Millionen Menschen in Istanbul (inoffiziell 18 Millionen) und die Stadt gehört somit zu den größten der Welt. Geteilt und gleichzeitig verbunden ist die Stadt durch zwei Wasserwege, den Bosporus und das Goldene Horn. Mit der asiatischen und europäischen Seite verbindet Istanbul als einzige Stadt der Welt zwei derart unterschiedliche Kontinente. In ihrer bewegten Geschichte blickt die Stadt auf vielzählige baukulturelle Einflüsse zurück, vor allen Dingen aber auf die Prägung dreier Imperien, das der Römer, der Byzantiner und auf das Osmanische Reich. Nach dieser allgemeinen Einleitung stellt Nuri Colagoglu, ganz der ursprünglichen Bewerbungsschrift folgend, die vier Veranstaltungsquartale des Kulturhauptstadtjahres 2010 vor. Sie sind jeweils einem der vier Elemente, der Erde, der Luft, dem Wasser und dem Feuer gewidmet.
Ömer Kanipak ist der verantwortliche Direktor für die Architektur- und Baukulturpojekte in Istanbuls Kulturhauptstadtprogramm, die er wiederum vier Themensträngen zuordnet. Es geht um „UPGRADING ISTANBUL“ mit Projekten wie „40 Architekten – 40 Gebäude“, um „PUBLIC ISTANBUL“, dabei handelt es sich beispielsweise um das „Bridge for Culture“ Projekt am Goldenen Horn, „HERITAGE OF ISTANBUL“ beschreibt die Planungen am „Theodosius Port“ für ein neues Stadtmuseum und „CREATIVE CITY“ umfasst nach ersten Ideen eine neu zu etablierende Architektur Biennale, eine Designwoche und einen Architekturatlas Istanbul.
Auf die Frage, welche Rolle die Europäische Kulturhauptstadt in städtebaulichen und architektonischen Entwicklungen spielt, kam das eindeutige Statement von Ömer Kanipak, dass ohne die Kulturhauptstadt-Initiative viele der anvisierten Projekte gar nicht oder erst viel später verwirklicht werden könnten. Die Entwicklungen entlang des Bosporus können im besten Falle durch die Einmischung des Kulturhauptstadt-Teams in eine qualitätvolle Planung mit anspruchsvoller Architektur gelenkt werden. Selbst das von Stararchitekt Frank O. Gehry entworfene Opern- und Theaterhaus wird passend zum Kulturhauptstadtjahr verwirklicht.
Wie sich all diese Pläne finanzieren, weiß Nuri Colagolu zu beantworten. Geht es nach seinen Plänen, muss jeder Türke in Zukunft einen Kulturhauptstadtcent bzw. -kurus pro Liter Benzin abgeben und bekommt im Gegenzug für jede erworbene Tankfüllung eine ausführliche Programmkarte zur Kulturhauptstadt geschenkt. Diesen Plänen folgend stehen in jedem der kommenden Jahre bis 2010, je 300 Millionen Euro frei verfügbares, aber bisher leider noch fiktives Budget für die Kulturhauptstadt-Aktivitäten zur Verfügung.
Prof. Ihsan Bilgin leitet die Bilgi Universität, die ganz frisch einen neuen Campus bezogen hat, auf dem Gelände des ehemaligen Elektrizitätskraftwerks in SantralIstanbul. Er ist offizieller Berater der Europäischen Kulturhauptstadt Istanbul 2010, praktizierender Architekt und Koryphäe für die baugeschichtliche Entwicklung des öffentlichen Raumes in der Türkei im 20. und 21. Jahrhundert. In seinem Vortrag untersucht Prof. Bilghin die Problembereiche der Metropole Istanbul und erläutert das Verständnis von Öffentlichem Raum in der Türkei, der eine ganz andere Bedeutung in der Planung aber auch in der Benutzung hat als in Deutschland.
Prof. Karl-Heinz Petzinka ist der künstlerische Direktor der RUHR.2010 für die Bereiche Architektur, Stadtentwicklung und Bildende Kunst. Sein Budget ist nach seiner Aussage nicht ganz so üppig wie das der türkischen Kollegen, rechnet man jedoch all die Investitionen zusammen, die durch den Motor Europäische Kulturhauptstadt in Gang gesetzt wurden und noch werden, so muss sich das Ruhrgebiet laut Herrn Prof. Petzinka nicht hinter Istanbul verstecken. Um Konkurrenzen geht es bei den parallel stattfindenden Kulturhauptstädten allerdings nicht, sondern um Kooperationen wie bei dem Projekt „Türkendorf“. Hier wird eine Fläche, laut der vorgetragenen Idee von Herrn Prof. Petzinka, zwischen Moschee und katholischer Kirche im Duisburger Stadtteil Marxloh zum exterritorialen Raum erklärt und nach türkischen Bauvorschriften und nach Vorgaben der vor Ort lebenden türkischen Gemeinschaft geplant.
Prof. Bilgin ist bei diesem Projekt besonders gefragt, da er Spezialist für den Öffentlichen Raum und auf dem Feld der Bürgerbeteiligung ist und zudem Grenzgänger beider Länder. Er lebt und arbeitet heute in der Türkei, nachdem er lange Zeit an der RWTH Aachen gelehrt und in Nordrhein-Westfalen gelebt hat.
Asli Sevindim ist die künstlerische Direktorin bei der RUHR.2010 für die „Stadt der Kulturen“, dort sind neben vielen anderen Themen auch die interkulturellen und Migrationsprojekte gebündelt. Sie ist in Duisburg-Marxloh aufgewachsen, immer noch fest mit ihren türkischen Wurzeln verbunden und per se ihrem Wesen nach intensiv in die Diskussion um das „Türkendorf“ verwickelt. Ihrer Meinung nach geht es nicht um eine besondere Art der Planung, sondern um ein Lebensgefühl der Bewohner, das sich in der städtebaulichen und architektonischen Gestalt wieder finden muss.
Die Temporäre Stadt an besonderen Orten ist das zweite baukulturelle Standbein der internationalen Kooperation zwischen Istanbul und der Metropole Ruhr. Prof. Christa Reicher skizziert das auf drei Jahre angelegt Experiment, an dem sich die Universitäten aus NRW, der Türkei und der ungarischen Partner-Kulturhauptstadt Pécs beteiligen. Erarbeitet wird das Konzept in hochschulübergreifenden Workshops mit Studierenden, Professoren und externen Planungsexperten, sozusagen ein „Exellenzaustausch der Kulturen“. Aufgabe für die Studierenden und Experten ist es, die Missstände der Städte zu untersuchen, zu analysieren und schließlich im Wettbewerb Lösungsansätze zu formulieren. Im Herbst 2008 soll das erste Symposium mit anschließendem Workshop im Ruhrgebiet stattfinden, es folgen im Frühjahr 2009 Pécs und im Herbst Istanbul. In 2010 werden in allen drei Kulturhauptstädten die temporären urbanen Installationen an prominenten Orten realisiert.
Der Baukultur Salon Istanbul 2010 ließ viel Aufbruchstimmung spüren und hat deutlich gezeigt, dass das Ruhrgebiet und die Türkei schon jetzt einen engen Dialog führen, den sie bis 2010 noch intensivieren wollen.
Der nächste Baukultur Salon ist der Europäischen Kulturhauptstadt Liverpool 2008 gewidmet. Im November dann präsentiert die „Stadt der Möglichkeiten“ der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 gemeinsam mit Bauminister Oliver Wittke das baukulturelle Programm für 2010.
|
|
PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit:
Nuri Colakoglu, Intendant Istanbul 2010
Ömer Kanipak, Künstlerischer Direktor für Architektur Istanbul 2010
Prof. Dr. Ihsan Bilgin, Bilgi Universität Istanbul
Prof. Karl-Heinz Petzinka, Künstlerische Direktor für Architektur, Stadtentwicklung und Bildende Kunst RUHR.2010
Asli Sevindim, Künstlerische Direktorin „Stadt der Kulturen“ RUHR.2010
Prof. Christa Reicher, Universität Dortmund, Projektautorin „Temporäre Stadt“
Moderation:
Katja Aßmann, StadtBauKultur NRW / RUHR.2010
Videokunst und Filme aus Istanbul

|