RÜCKBLICK Das Literaturhaus an der Hamburger Außenalster, eine Stadtvilla aus dem 19. Jahrhundert, bot einen würdigen Rahmen und stand in reizvollem Kontrast zum bisherigen Industriekultur-Salon-Ambiente der Maschinenhalle des stadtbauraums im ehemaligen Schacht Oberschuir in Gelsenkirchen. Thema des Baukultur Salon in Hamburg war die Inwertsetzung vergessener Räume durch Kunst. Im Mittelpunkt der lebhaften Diskussion standen die Projekte EMSCHERKUNST.2010 und „Akademie einer anderen Stadt“ (IBA Hamburg).
Das Projekt EMSCHERKUNST.2010 mit seinen acht Ausstellungsräumen auf der Emscherinsel, die die Ruhrstädte geografisch und kulturell verbindet, thematisiert den Transformationsprozess im Ruhrgebiet – weg von der reinen Industrielandschaft hin zu einer vielfältig kulturell geprägten Region. Katja Aßmann, Programmleiterin der Bereiche Bildende Kunst und Architektur bei der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, stellte ausgewählte Projekte der EMSCHERKUNST.2010 vor, die diesen Strukturwandel aufgreifen, unter anderem den „Turm 79“ von Ayse Erkmen und die Skulptur „Warten auf den Fluss“ der Künstlergruppe Observatorium. Der Kulturunternehmer und Intendant der Kulturhauptstadt Linz 2009, Martin Heller, griff anschließend in seinem Impulsvortrag die Frage auf, inwiefern Kunst und Kultur sich auf die Stadtentwicklung auswirkten und präsentierte Installationen der Stadt Linz im öffentlichen Raum. Er beantwortete die spätere Nachfrage seitens der Moderatorin des Abends, Anne Kraft von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, nach der Nachhaltigkeit dieser meist temporären Werke allerdings gespalten, da diese schwer evaluierbar sei und die Ressourcen, die für die Erhaltung der Objekte zur Verfügung stünden, knapp seien.
Einig war man sich darin, dass es Aufgabe der Kulturhauptstadt Europas sei, Stadtentwicklung voranzutreiben. „Kunst und Kultur sind eben nicht nur ein Fest, sondern dazu da, die Stadt vorwärts zu treiben.“ (Martin Heller) Stadt solle sichtbar gemacht werden durch Kunst. Es gäbe auch kein Konzept, das überall anwendbar sei, sondern Ideen müssten vor Ort entwickelt werden. Kunst sei weit mehr als „Behübschung“ einer Stadt. Kritisch betrachtet werden müsse deshalb die Gefahr, dabei die künstlerische Schärfe, die ästhetische Kraft zu verlieren, so Martin Heller. Diesen Punkt griff in der anschließenden Diskussion die Künstlerin und Co-Kuratorin der „Akademie einer anderen Stadt“, Andrea Knobloch, auf, die dem eher pragmatischen Kunstverständnis („Kunst muss funktionieren“) Jörg Dettmar, Berater der RUHR.2010 für den Bereich Landschaftsplanung und Baukultur, widersprach, der beispielsweise in der IBA Emscher Park vor allem ein städtisches Imageprojekt sah, das mit den Bewohnern der Region nicht allzu stark in Berührung kam. Die Kunst im Rahmen der IBA Hamburg solle stattdessen zum Nachdenken anregen über die Stadt und das Städtische, Künstler und Stadt zusammenbringen, so Andrea Knobloch. Hürden zwischen Bewohnern und Kunst sollten überwunden werden. Auch Eva Pfannes, Künstlerin und Architektin von der Gruppe Ooze Architects, die ihr EMSCHERKUNST.2010-Projekt vorstellte, griff diesen Punkt auf und betonte die Rolle der Kunst als Beziehungsskulptur, das Objekt „Between the Waters“ als Gemeinschaftsgarten, nicht als rein artifizielle Installation.
Zur Diskussion wurde auch noch einmal explizit die Frage gestellt, ob mit Kunst eine bestimmte Wirkung erzielt werden könne, was Andrea Knobloch verneinte, da Kunst durch eine bestimmte Zielsetzung, Aufgabe oder Wirkung an Qualität verloren ginge. Stattdessen müsse künstlerisches Schaffen, um sich entwickeln zu können, frei von äußeren Einschränkungen sein. Der daran anknüpfenden Frage, wann Kunst aufhöre und Stadtplanung anfinge, stellte sich Jörg Dettmar und skizzierte die Grenzen als fließend. Ein Architekt, der sich gestalterisch betätige, sei gegebenenfalls nicht weniger künstlerisch aktiv als der Künstler, der sich mit gebauten Orten auseinandersetze. Martin Heller unterstützte diesen Ansatz, da Kunst durch diese Durchlässigkeit vermittelbar bleiben würde – auch für Menschen ohne künstlerische Vorbildung.
Künstlerische Freiräume innerhalb von Städten zu sichern sei schwierig, bemerkte Andrea Knobloch, da man schnell an Verwaltungsgrenzen stieße. Aber selbst in dieser Reibung zwischen künstlerischem Schaffen und diesen Grenzen läge kreatives Potenzial. Zum Entstehungsprozess von Kunst zähle auch die Auseinandersetzung mit Auftraggebern, Baubehörden, Versicherungen etc. Auch Eva Pfannes verstand künstlerische Freiräume vor allem als Denkfreiräume, während Martin Heller darauf aufmerksam machte, dass der Kunst immer Grenzen gesetzt seien.
Die Wandlung des Ruhrgebiets in eine regionale Kulturmetropole steht, so die einhellige Meinung, noch aus. Dadurch, dass Städte und Regionen aber Räume für Kunst zur Verfügung stellen oder selbst zum Ort der Gestaltung, der ästhetischen Betrachtung werden, werden sie allerdings (er)lebbar. Die dadurch freigelegte aktive Auseinandersetzung mit geografischen, kulturellen, baulichen und sozialen Räumen ist eine der Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung.
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PROGRAMM
Begrüßung:
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Einführung RUHR.2010:
Katja Aßmann, Programmleiterin Architektur / Bildende Kunst RUHR.2010
Vortrag und Diskussion mit:
Martin Heller, Heller Enterprises, Kuratorium IBA Hamburg
Prof. Dr.-Ing. Jörg Dettmar, TU Darmstadt, Berater RUHR.2010
Andrea Knobloch, Akademie einer anderen Stadt
Eva Pfannes, EMSCHERKUNST.2010
Moderation: Anne Kraft, StadtBauKultur NRW
Imbiss, Bilderbogen und Filme RUHR.2010 |
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