RÜCKBLICK Graz
2003 – Architektur als Spiegel der Kultur einer Stadt? Graz stand im Jahr 2003 deutlich im Focus der öffentlichen
Wahrnehmung, so der ehemalige Geschäftsführer der Kulturhauptstadt
Graz, Dr. Manfred Gaulhofer auf dem vierten Baukultur
Salon. Graz ist mit 250.000 Einwohnern die zweitgrößte
Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark und liegt zu beiden
Seiten des Flusses Mur. Sie ist Industriestadt mit Autocluster,
Stahl-, Maschinenbau und Hightech. 60.000 Studenten studieren an
drei Universitäten und dem Fachhochschulzentrum.
Die erfolgreiche Präsentation der Stadt ist auf zwei Strategieansätze
zurückzuführen:
Grundidee aller Aktionen war zum einen, die Grazer mitzunehmen in
das „Kulturjahr“, sich in der Stadt und im Land Österreich
offensiv als kulturelles Zentrum zu präsentieren und Kultur
als Teil des alltäglichen Lebens sichtbar zu machen.
Zum zweiten wurden ab 2001 Projekte, die zu dem Zeitpunkt schon
in Planung waren, zügig umgesetzt. Baukulturelle Zeichen und
Identifikationspunkte für die Kulturhauptstadt entstanden damit
bereits im Vorbereitungszeitraum. Graz besticht zwar durch eine
Altstadt, die in den Rang eines Weltkulturerbes gehoben wurde. Die
neuen Architekturen führten aber zu einer ganz neuen Selbstwahrnehmung
der Grazer, so Gaulhofer. Diese Bauwerke sind als sehr aussagekräftige
Bilder der Stadt vielen Besuchern noch im Gedächtnis.
Dazu gehört die Glas-Stahl-Konstruktion der „Insel“
im Fluss Mur. Sie ist ein organisch verwundenes Gebäude mit
einer muschelartigen Optik, sie ist transparent, bietet den Blick
ins Wasser und ist von beiden Uferseiten aus zugänglich. Ein
Amphitheater und Café beleben diesen mittlerweile stark frequentierten
Ort. Das Kunsthaus, das sich inmitten einer gewachsenen Innenstadt
– ebenfalls in Glas- und Stahl – an den Bestand schmiegt, ist 2003
fertig gestellt und zu einem neuen Zentrum der Ausstellungskultur
geworden. Das ehemalige Kulturhaus in der Elisabethstraße ist
um zwei Saalbauten erweitert worden und hat sich als Literaturhaus
etabliert. Mit der neuen Stadthalle hat u.a. der „steirische
herbst“ als Festival für zeitgenössische Musik eine
Spielstätte gefunden. Erlebbare Architektur und Platz für spielerische Interaktionen
bietet das Kindermuseum. Hauptbahnhof und Flughafen sind modernisiert worden.
Sichtbar wurde so das Kulturhauptstadt-Jahr an zahlreichen Punkten:
Der Uhrturm am Schlossberg erhielt einen dreidimensionalen Schatten
– ein Zwillingsgebäude als temporäre Kunstaktion.
Viele andere kleinere künstlerische Aktionen waren über
die ganze Stadt verstreut.
Dr. Simone Raskob, Beigeordnete der Stadt Essen
und damit nah an den hiesigen Kulturhauptstadtvorbereitungen, unterstrich
die Bedeutung von baulichen Aufbruchzeichen und Signalen. Mit dem
Ruhrmuseum, dem Neubau des Folkwangmuseums nach Entwürfen von
David Chipperfield, einem neuen Haus für die Bochumer Symphoniker
und dem Dortmunder U sei die Region im Vorfeld auf gutem Weg. Das
Kulturhauptstadt-Jahr sei für viele – auch
für private Investitionen – Initial für Bauentscheidungen.
Die Wirkung solcher Entscheidungen, die ohne das Kulturhauptstadt-Jahr
so nicht gefallen wären, sei für Wirtschaft und Außenwirkung
einer Stadt und Region nicht zu unterschätzen, waren sich die
Essenerin und der Grazer einig.
So stand das Thema der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Diskussion
der zweiten Hälfte des Abends. Die „Nachher-Strategie“
ist bei jedem Projekt immer schon mitzudenken, darüber waren
sich die Teilnehmer einig. Dazu gehört unter anderem auch der
Rückbau: Künstlerische Zeichen wie der Uhrschatten sind
in Graz wieder abgebaut worden. In der Erinnerung blieben sie aber
dennoch präsent und werden auch jetzt noch mit der Stadt in
Zusammenhang gebracht. Die langfristigen Effekte einer Kulturhauptstadt
sind trotz aller notwendigen Reduzierungen in der Zeit danach, trotz
aller finanziellen Probleme nicht zu unterschätzen. Damit
wurde auch der Einwand von dem Wiener Architekturtheoretiker und
Kunstkritiker Jan Tabor und einer anwesenden Grazerin
aus dem Publikum relativiert: Nach dem Kulturhauptstadt-Jahr hätte
sich in Graz ein regelrechter “Blues“ eingestellt.
Bei allen Problemen der Nachsorge, so Gaulhofer, müsse man
aber die erheblichen – zum Teil auch privaten – Nachfolge- und Begleitinvestitionen
sehen. Diese hätten sich in Folge der öffentlichen Initialinvestitionen
zur Kulturhauptstadt eingestellt. Rund 140 Millionen Euro seien
das in Graz gewesen. Darüber hinaus hat sich durch das kulturell
verdichtete Jahr viel an der Selbstwahrnehmung der Stadt getan.
Das Gefühl, in einer außergewöhnlichen Stadt mit
eigenen kulturellen Schwerpunkten zu leben, ist auch nach 2003 „stehen
geblieben“. Und das sei für eine Identitätsbildung
und die Präsentation einer Stadt von großer Bedeutung.
Ein
besonders Identität stiftendes Projekt stellte Gudrun
Wallenböck, Projektmanagerin der Kulturhauptstadt
Graz 2003, vor: den „Berg der Erinnerungen“ im Schlossbergstollen.
Im Rahmen dieses Kommunikations- und Rechercheprojekts reichten
die Grazer für eine Ausstellung 20.000 Erinnerungsstücke
ein. 1.000 wurden für das Ausstellungslabyrinth in dem Stollen
ausgewählt und standen mit ihren Geschichten stellvertretend
für die Entwicklung der Stadt Graz. Das Büro der Erinnerungen
ist auch heute noch geöffnet, ein Veranstaltungssaal im Inneren
des Bergs ist beliebte Konzertlocation. Dr. Söke Dinkla,
Kuratorin und Autorin für aktuelle Kunst und Neue Medien, stellte
die äquivalente Projektskizze zur Kulturhauptstadt vor: „Die
Zweite Stadt“. Ein Ausschnitt des unterhöhlten Ruhrgebiets
soll im Jahr 2010 zwischen zwei Schächten der Zeche Zollverein
in fast 1.000 Metern zu neuem
Leben erweckt werden. Das Labyrinth der Stollen und Flöze unter
der Erde, die unsichtbare zweite Stadt, soll an ausgewählten
Stellen für Besucher und für Medienkunst geöffnet
werden. Zentrales Werk soll eine Installation der amerikanischen
Künstlerin Jenny Holzer sein. Die "Zweite Stadt" erklärt
ein faszinierendes, für viele Menschen unbekanntes Stück
Ruhrgebiet, das mit künstlerischen Setzungen inszeniert wird.
Das Ruhrgebiet kann sich mit dieser Ausstellung, die so nur hier
stattfinden kann, mit seinen Eigenheiten individuell präsentieren.
Die Kulturhauptstadt 2010 bietet die Möglichkeit, sich mit
vielen weiteren Projekten interessierten Besuchern zu zeigen und
Touristen auf sich aufmerksam zu machen. RUHR.2010 ist als logischer
Teil eines Prozesses des Wandels und der Neufindung des Reviers
zu verstehen. Das
Ruhrgebiet präsentiert sich mittlerweile nicht nur auf einem
gemeinsamen Stand auf der Expo Real. Der Verbund der 20 Museen zur
Kulturhauptstadt zeigt zum Beispiel, dass sich das Revier als starke
Kulturregion zu verstehen beginnt.
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PROGRAMM
Vortrag und Diskussion mit:
Dr. Manfred Gaulhofer, Geschäftsführender Direktor Graz 2003
Gudrun Wallenböck, Linz 2009
Jan Tarbor, Journalist und Architekturkritiker, Wien
Dr. Simone Raskob, Stadtbaurätin Essen
Dr. Söke Dinkla, Kuratorin "Die Zweite Stadt" RUHR.2010
Moderation: Frauke Burgdorff, Montag Stiftung Urbane Räume
Filmevents zur Kulturhauptstadt Graz 2003 bei Live-Musik |