Baukultur Salon Graz

Ort
stadtbauraum (Gelsenkirchen)
Laufzeit
11. Oktober 2007

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RÜCKBLICK Graz 2003 – Architektur als Spiegel der Kultur einer Stadt? Graz stand im Jahr 2003 deutlich im Focus der öffentlichen Wahrnehmung, so der ehemalige Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Graz, Dr. Manfred Gaulhofer auf dem vierten Baukultur Salon. Graz ist mit 250.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark und liegt zu beiden Seiten des Flusses Mur. Sie ist Industriestadt mit Autocluster, Stahl-, Maschinenbau und Hightech. 60.000 Studenten studieren an drei Universitäten und dem Fachhochschulzentrum.
Die erfolgreiche Präsentation der Stadt ist auf zwei Strategieansätze zurückzuführen: Grundidee aller Aktionen war zum einen, die Grazer mitzunehmen in das „Kulturjahr“, sich in der Stadt und im Land Österreich offensiv als kulturelles Zentrum zu präsentieren und Kultur als Teil des alltäglichen Lebens sichtbar zu machen.
Zum zweiten wurden ab 2001 Projekte, die zu dem Zeitpunkt schon in Planung waren, zügig umgesetzt. Baukulturelle Zeichen und Identifikationspunkte für die Kulturhauptstadt entstanden damit bereits im Vorbereitungszeitraum. Graz besticht zwar durch eine Altstadt, die in den Rang eines Weltkulturerbes gehoben wurde. Die neuen Architekturen führten aber zu einer ganz neuen Selbstwahrnehmung der Grazer, so Gaulhofer. Diese Bauwerke sind als sehr aussagekräftige Bilder der Stadt vielen Besuchern noch im Gedächtnis. Dazu gehört die Glas-Stahl-Konstruktion der „Insel“ im Fluss Mur. Sie ist ein organisch verwundenes Gebäude mit einer muschelartigen Optik, sie ist transparent, bietet den Blick ins Wasser und ist von beiden Uferseiten aus zugänglich. Ein Amphitheater und Café beleben diesen mittlerweile stark frequentierten Ort. Das Kunsthaus, das sich inmitten einer gewachsenen Innenstadt – ebenfalls in Glas- und Stahl – an den Bestand schmiegt, ist 2003 fertig gestellt und zu einem neuen Zentrum der Ausstellungskultur geworden. Das ehemalige Kulturhaus in der Elisabethstraße ist um zwei Saalbauten erweitert worden und hat sich als Literaturhaus etabliert. Mit der neuen Stadthalle hat u.a. der „steirische herbst“ als Festival für zeitgenössische Musik eine Spielstätte gefunden. Erlebbare Architektur und Platz für spielerische Interaktionen bietet das Kindermuseum. Hauptbahnhof und Flughafen sind modernisiert worden.
Sichtbar wurde so das Kulturhauptstadt-Jahr an zahlreichen Punkten: Der Uhrturm am Schlossberg erhielt einen dreidimensionalen Schatten – ein Zwillingsgebäude als temporäre Kunstaktion. Viele andere kleinere künstlerische Aktionen waren über die ganze Stadt verstreut.
Dr. Simone Raskob, Beigeordnete der Stadt Essen und damit nah an den hiesigen Kulturhauptstadtvorbereitungen, unterstrich die Bedeutung von baulichen Aufbruchzeichen und Signalen. Mit dem Ruhrmuseum, dem Neubau des Folkwangmuseums nach Entwürfen von David Chipperfield, einem neuen Haus für die Bochumer Symphoniker und dem Dortmunder U sei die Region im Vorfeld auf gutem Weg. Das Kulturhauptstadt-Jahr sei für viele – auch für private Investitionen – Initial für Bauentscheidungen. Die Wirkung solcher Entscheidungen, die ohne das Kulturhauptstadt-Jahr so nicht gefallen wären, sei für Wirtschaft und Außenwirkung einer Stadt und Region nicht zu unterschätzen, waren sich die Essenerin und der Grazer einig.
So stand das Thema der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Diskussion der zweiten Hälfte des Abends. Die „Nachher-Strategie“ ist bei jedem Projekt immer schon mitzudenken, darüber waren sich die Teilnehmer einig. Dazu gehört unter anderem auch der Rückbau: Künstlerische Zeichen wie der Uhrschatten sind in Graz wieder abgebaut worden. In der Erinnerung blieben sie aber dennoch präsent und werden auch jetzt noch mit der Stadt in Zusammenhang gebracht. Die langfristigen Effekte einer Kulturhauptstadt sind trotz aller notwendigen Reduzierungen in der Zeit danach, trotz aller finanziellen Probleme nicht zu unterschätzen. Damit wurde auch der Einwand von dem Wiener Architekturtheoretiker und Kunstkritiker Jan Tabor und einer anwesenden Grazerin aus dem Publikum relativiert: Nach dem Kulturhauptstadt-Jahr hätte sich in Graz ein regelrechter “Blues“ eingestellt.
Bei allen Problemen der Nachsorge, so Gaulhofer, müsse man aber die erheblichen – zum Teil auch privaten – Nachfolge- und Begleitinvestitionen sehen. Diese hätten sich in Folge der öffentlichen Initialinvestitionen zur Kulturhauptstadt eingestellt. Rund 140 Millionen Euro seien das in Graz gewesen. Darüber hinaus hat sich durch das kulturell verdichtete Jahr viel an der Selbstwahrnehmung der Stadt getan. Das Gefühl, in einer außergewöhnlichen Stadt mit eigenen kulturellen Schwerpunkten zu leben, ist auch nach 2003 „stehen geblieben“. Und das sei für eine Identitätsbildung und die Präsentation einer Stadt von großer Bedeutung.
Ein besonders Identität stiftendes Projekt stellte Gudrun Wallenböck, Projektmanagerin der Kulturhauptstadt Graz 2003, vor: den „Berg der Erinnerungen“ im Schlossbergstollen. Im Rahmen dieses Kommunikations- und Rechercheprojekts reichten die Grazer für eine Ausstellung 20.000 Erinnerungsstücke ein. 1.000 wurden für das Ausstellungslabyrinth in dem Stollen ausgewählt und standen mit ihren Geschichten stellvertretend für die Entwicklung der Stadt Graz. Das Büro der Erinnerungen ist auch heute noch geöffnet, ein Veranstaltungssaal im Inneren des Bergs ist beliebte Konzertlocation. Dr. Söke Dinkla, Kuratorin und Autorin für aktuelle Kunst und Neue Medien, stellte die äquivalente Projektskizze zur Kulturhauptstadt vor: „Die Zweite Stadt“. Ein Ausschnitt des unterhöhlten Ruhrgebiets soll im Jahr 2010 zwischen zwei Schächten der Zeche Zollverein in fast 1.000 Metern zu neuem Leben erweckt werden. Das Labyrinth der Stollen und Flöze unter der Erde, die unsichtbare zweite Stadt, soll an ausgewählten Stellen für Besucher und für Medienkunst geöffnet werden. Zentrales Werk soll eine Installation der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer sein. Die "Zweite Stadt" erklärt ein faszinierendes, für viele Menschen unbekanntes Stück Ruhrgebiet, das mit künstlerischen Setzungen inszeniert wird. Das Ruhrgebiet kann sich mit dieser Ausstellung, die so nur hier stattfinden kann, mit seinen Eigenheiten individuell präsentieren.
Die Kulturhauptstadt 2010 bietet die Möglichkeit, sich mit vielen weiteren Projekten interessierten Besuchern zu zeigen und Touristen auf sich aufmerksam zu machen. RUHR.2010 ist als logischer Teil eines Prozesses des Wandels und der Neufindung des Reviers zu verstehen. Das Ruhrgebiet präsentiert sich mittlerweile nicht nur auf einem gemeinsamen Stand auf der Expo Real. Der Verbund der 20 Museen zur Kulturhauptstadt zeigt zum Beispiel, dass sich das Revier als starke Kulturregion zu verstehen beginnt.

 

PROGRAMM

Vortrag und Diskussion mit:
Dr. Manfred Gaulhofer, Geschäftsführender Direktor Graz 2003
Gudrun Wallenböck, Linz 2009
Jan Tarbor, Journalist und Architekturkritiker, Wien
Dr. Simone Raskob, Stadtbaurätin Essen
Dr. Söke Dinkla, Kuratorin "Die Zweite Stadt" RUHR.2010

Moderation: Frauke Burgdorff, Montag Stiftung Urbane Räume

Filmevents zur Kulturhauptstadt Graz 2003 bei Live-Musik