RÜCKBLICK Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 hat unter dem Motto „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ erstmalig in der Geschichte der Kulturhauptstadt-Initiative der Europäischen Union die Kreativwirtschaft als Programmbereich neben den klassischen Kultur-Sparten aufgenommen. „Städtische Belebung ohne Bauinvestition?“ stand als Frage im Mittelpunkt der lebhaften Baukultur Salon-Diskussion rund um die Kreative.Quartiere Ruhr und die Entwicklung des Flughafens Tempelhof Berlin. Der gemeinsamen Einladung von StadtBauKultur NRW, RUHR.2010 und Aedes am Pfefferberg folgten mehr Besucher als das Aedes Studio aufzunehmen vermochte. Bei sommerlichen Temperaturen rückten die eingeladenen Experten aus dem Ruhrgebiet und Berlin, wie auch die zahlreichen Besucher räumlich und inhaltlich ein Stück näher zusammen.
Der Pfefferberg war geradezu prädestiniert, dem Baukultur Salon auf Reisen als erste Station zu dienen. Er ist eines der kreativen Quartiere Berlins, das bereits die Metamorphose von der leerstehenden über die temporär genutzte Immobilie hin zum Standort etablierter Kulturinstitutionen vollzogen hat, allen voran die Aedes Galerie mit internationalem Campus und großzügigen Ausstellungsflächen. Dieter Gorny ist als künstlerischer Direktor der RUHR.2010 für die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet insbesondere an nachhaltigen Strukturen und der Schaffung von neuen kreativen Plattformen interessiert. Sein Impuls-Vortrag stellte eindrücklich die Strategie der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 vor, die der Transformation einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft mit experimentellen Prozessen begegnet. Die Kreativ.Quartiere Ruhr stehen für eine in Planerkreisen unübliche Kultur, bei der im interdisziplinären Austausch Prozesse in Gang gesetzt werden, bei denen man heute nicht weiß, wie die Ergebnisse am Ende aussehen werden, so lautete frei übersetzt die These von Dieter Gorny. Thomas Zehnter unterlegte die Ausführungen Gornys mit einem ganz praktischen Erfahrungsbericht aus dem Kreativ.Quartier Bochum aus der Sicht des Bildenden Künstlers. Die ersten zarten Pflanzen einer Kreativ-Szene keimten schon vor Jahren im Bochumer Stadtteil Ehrenfeld auf. Die Kulturhauptstadt Europas und das Label Viktoria-Quartier unterstützten den Prozess und schufen die einmalige Möglichkeit im direkten Dialog mit den Planungs- und Kulturdezernaten neue Wege ohne viel Bürokratie zu beschreiten, was Thomas Zehnter auf den Punkt gebracht als „Stadtplanung von unten“ bezeichnete. Bei aller Differenz zwischen der fragmentierten urbanisierten Stadtlandschaft an der Ruhr und der aus vielen eigenständigen Bezirken zusammengeschweißten Hauptstadt Berlin, sind doch viele interessante Gemeinsamkeiten erkennbar, das brachte die von Katja Aßmann, Programmleiterin Architektur und Bildende Kunst der RUHR.2010, moderierte Diskussion schnell zum Vorschein. Das Ruhrgebiet und Berlin sind beide vergehende Industrielandschaften, die unter dem Einfluss der digitalen Revolution ihren Weg zur Dienstleistungsgesellschaft eingeschlagen haben. Das Ruhrgebiet hat laut Thomas Willemeit von Graft Architekten einen großen Vorsprung aufgebaut, in der zeitgenössischen Debatte um die zukunftsgerichteten Antworten auf Planungsfragen von Morgen. Berlin besitzt ohne Zweifel eine spannende Kreativ-Szene und vielfältige Beispiele kreativer Quartiere, ist jedoch viel zu sehr mit einem fertigen Bild von Stadt beschäftigt, betonte Thomas Willemeit und untermauerte seine Aussage mit der Wiederaufbau-Diskussion des Berliner Schlosses. Die jüngsten Planungen rund um den ehemaligen Flughafen Tempelhof belegen laut Dagmar Tille von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, wie neue Partnerschaften in der Stadtentwicklung eingegangen werden. Der Aufruf zur Pioniernutzung auf Tempelhof ist als Versuch zu werten, die Leute zu mobilisieren, für die man letztendlich Stadt macht. Hardy Schmitz, Geschäftsführer der Adlershof GmbH, entwickelte im Auftrage des Senats das Leitbild für die Entwicklung des ehemaligen Flughafens Tempelhof, das sich aus den vielzähligen Gesprächen mit den Akteuren vor Ort, den Workshops und den Analysen speist. Der Ideenaufruf zur Pioniernutzung ist laut Schmitz ein erster Schritt vom Leitbild in die konkrete Umsetzung und zur langfristigen Adressbildung. Die trotz der steigenden Temperaturen konzentrierte Publikumsdiskussion drehte sich in erster Linie um den Konflikt zwischen Kreativen, Investoren und Stadtbewohnern in den vorgestellten Strategien, wie sich diese in der alltäglichen Lebenswelt der Stadtbewohner auswirken und ob sie überhaupt ein geeignetes Instrument in der Stadtentwicklung darstellen. Das und mehr bestimmte den Ausklang im Aedes-Innenhof noch bis spät in den lauen Sommerabend hinein. Eine zentrale Botschaft des Abends blieb, dass es sich lohnt die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 zu besuchen, sich selbst ein Bild vom neuen Ruhrgebiet zu machen und vielleicht einen Tag an der längsten Tafel auf der stillgelegten Bundesautobahn A40 zu verbringen. |
PROGRAMM
Begrüßung und Einführung in die Fragestellung des Abends:
Hans-Jüßrgen Commerell, Direktor Aedes am Pfefferberg
Ulrike Rose, Leiterin StadtBauKultur NRW
Vortrag und Diskussion mit:
Prof. Dieter Gorny, Küßnstlerischer Direktor ecce / RUHR.2010
Thomas Zehnter, Choreografiker, Kreativ.Quartier Bochum
Dr. Dagmar Tille, Leiterin Werkstatt Baukultur, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin
Hardy Schmitz, Geschäftsführer Wista GmbH, Projekt Tempelhof
Thomas Willemeit, Grüßndungspartner GRAFT Architekten, Berlin
Moderation:
Katja Aßmann Programmleiterin Architektur / Bildende Kunst RUHR.2010
Imbiss, Bilderbogen und Filme RUHR.2010 |
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