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Grundsatzreferat von
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Wenn ich heute in das Bonner Bundeshaus komme, in diesen Plenarsaal, ist es die Begegnung mit einem vertrauten Ort, an dem ich viele Jahre als Bundesminister tätig gewesen bin – unter anderem als Minister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Es ist das Wiedersehen mit einem Gebäude, das von seiner Anlage und Architektur deutlich her spricht: „Ich bin ein Parlament“. Gute und vorbildliche Architektur, die Prof. Behnisch mit diesem Gebäude für den Deutschen Bundestag entworfen und gebaut hat. Unwillkürlich denkt man an den Satz, den Winston Churchill formuliert hat: „We shape our buildings, and afterwards our buildings shape us.“ Nebenbei: diesen Satz hat Churchill in der Diskussion um den Aufbau des House of Commons nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges gesprochen. Insofern konnte der Tagungsort für diesen Kongress zur Baukultur nicht besser gewählt werden. Die Architektur der Bundesbauten im ehemaligen Bonner Regierungsviertel führt uns in ihrer Verschiedenartigkeit auch vor Augen, wie sehr sie vom jeweiligen Zeitgeist getragen ist. Architektur prägt Gesellschaft und lässt Gesellschaft daran ablesen. Nichts zeigt dies deutlicher als ein Blick auf den „Langen Eugen“, das ehemalige Abgeordnetenhaus, das Egon Eiermann entworfen hat und das mit seiner Höhe und gleichzeitig demonstrativen Schlichtheit fortan das Regierungsviertel dominierte. Eine spätere Epoche hat dann vornehmlich mit dem Post-Tower ein anderes architektonisches Zeichen eines gewandelten gesellschaftlichen Verständnisses gesetzt. Oder denken Sie an den Schürmann-Bau, der Anfang der 1980er Jahre als Erweiterungsbau für das Abgeordnetenhaus entworfen und gegen Ende der 1980er Jahre gebaut wurde: Er hat eine ganz andere Formensprache als sein nur etwa 20 Jahre älterer Vorgängerbau mit derselben Funktion. Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass es richtig war, dieses Gebäude gegen alle politischen Wiederstände und Ärgernisse in der Bauphase so wie geplant zu erstellen. Aber lassen Sie mich zum Thema meines Vortrags kommen: Städte. Städteplaner aus den so unterschiedlichen, aber in der interdisziplinären Zusammenarbeit notwendigen Disziplinen, Verantwortliche aus der Kommunalpolitik und viele andere Fachleute und an der Entwicklung von Städten Interessierte haben sich in Bonn eingefunden, um sich mit dem weltweit expandierenden System „Stadt“ zu befassen. Der Megatrend der globalen Verstädterung hat dazu geführt, dass seit dem Jahr 2008 erstmals über 50 % der Weltbevölkerung in Städten beheimatet ist. Die Notwendigkeit der Fragestellung dieses Kongresses ist schon daran ablesbar, dass man sich weltweit in einer Intensität mit „Stadt“ beschäftigt wie nie zuvor. Als Beispiele aus jüngster Zeit nenne ich die „Expo 2010“ in Shanghai, die unter dem Motto „Better City – better Life!“ explizit Städte und nicht wie bisher Länder in den Fokus stellt. Auch die Architektur-Biennale von Venedig war im Herbst 2008 „Der Stadt“ gewidmet. Der politische Bedeutungsgewinn, den das Thema Stadt in den zurückliegenden Jahren erfahren hat, ist unübersehbar. Der Kongress „Stadt:Mensch:Heimat:“ folgt insofern nicht nur einem aktuellen Trend. Vor dem Hintergrund dramatischer ökonomischer, soziologischer und demografischer Umbrüche in der Gesellschaft ist dieser Kongress vielmehr zwingend notwendig, ja überfällig. Ich möchte mein Impulsreferat dafür nutzen, Ihnen zwei Aspekte zur Stadt aus globaler Perspektive zu vergegenwärtigen. Der erste Aspekt: Wir sind mit einer zweigeteilten Welt von Städten konfrontiert. Einerseits das schnelle, viele Probleme aufwerfende Wachstum von Metropolen und Megacities – vor allem in Afrika, im indischen Subkontinent, in China, aber auch im übrigen Asien und in Lateinamerika. Dem gegenüber stehen die daran gemessen tendenziell stabilen Städte der entwickelten Welt, die sich meist „nur“ mit den Folgen von Stadtschrumpfungen und den Konsequenzen oft kurzfristig zu bewältigender, wirtschaftlicher Strukturveränderungen auseinandersetzen müssen. Eine starke Bevölkerungszunahme verzeichnen vor allem die Metropolen Afrikas, Indiens und China. Als Beispiele seien genannt Lagos in Nigeria, Kinshasa im Kongo, Nairobi in Kenia, die ägyptische Hauptstadt Kairo, die indischen Metropolen Mumbai (Bombay) und Kolkata (Kalkutta) und zahlreiche Megacities in China. In diesen Teilen der Welt zeigt sich Urbanisierung in einem Wachstum von „Stadtmaschinen“, deren schiere Größe man kaum noch erfassen kann. Diese derart schnell und ungeplant wachsenden Megacities, oft bereits als Metacities oder Hypercities bezeichnet, entsprechen immer weniger dem, was wir in Europa unter Stadt verstehen, was sich historisch sehr oft über lange Zeiträume entwickelt hat. Nicht nur, dass außer Istanbul keine einzige europäische Stadt zu den Megacities dieser Welt zählt, dass allenfalls London, Paris und Moskau Metropolen im globalen Maßstab sind. Europäische Städte haben einen langsamen Entwicklungsweg genommen: von der im Mittelalter und der frühen Neuzeit von Mauern fest umschlossenen Stadt – der niederländische Architekt Kees Christiaanse vergleicht diesen Stadttypus bildlich mit einem gekochten Ei. Es folgt mit der Industrialisierung und dem größeren Mobilitätsradius der Bürger eine ihre engen Mauern sprengende Stadt, die in ihre Peripherie hineinwächst – hierfür steht das Bild vom Spiegelei. Und schließlich ist es zur Herausbildung der Regionalen Stadt gekommen, des „urban sprawl“, der Mega- und Metacity eben, bildlich mit Christiaanse gesprochen, des Rühreis, des zerrissenen „Kaiserschmarrn“. Die europäischen Städte hatten – trotz aller Konflikte infolge der vielerorts sprunghaften Industrialisierung im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert – vergleichsweise viel Zeit, sich in ihrem städtischen Wachstum jeweils neu zu organisieren und auftretende Entwicklungsprobleme anzugehen und ihnen Raum zu geben. Dabei wurden zu einem nicht unerheblichen Teil auch befriedigende Lösungen für das Leben in Städten und für das Funktionieren von Städten gefunden. Die heutigen Megastädte in den genannten außereuropäischen Teilen der Welt müssen Armut und Entwicklungsrückstände in viel kürzerer Zeit überwinden als seinerzeit die europäischen Städte. Wir sind Zeugen eines in vielen Fällen geradezu faszinierenden „Leapfrogging Process“, einer gewaltigen Veränderungsdynamik. Dieses Tempo der Entwicklung hat massive Konsequenzen auf die der neuen Metropolen in Afrika und Asien. Sie führt dazu, dass diese Städte bzw. urbanisierten Zonen, die vielfältigen städtischen Funktionen und die damit verbundenen Dienstleistungen nicht oder noch nicht hinreichend entwickelt haben. Diese Städte können deshalb nicht „funktionieren“. Slums und Farvellas, gänzlich unzureichende Mobilitätssysteme und eklatante Mängel in allen Bereichen der Infrastruktur sind dafür unübersehbare Indikatoren. Es gibt keine Patentrezepte zur Lösung der Probleme in diesen Städten, weil die zu lösenden Aufgaben erstmals in der Geschichte von Städten auftreten – und dies in einer Geschwindigkeit und Dimension, auf die eine planende Stadtentwicklung kaum Anwendung finden kann. Dafür fehlen außerdem zumeist nicht nur die organisatorischen und technischen Voraussetzungen, sondern auch die finanziellen Mittel – etwa zum Ausbau von Infrastrukturen. Es heißt auch Abschied zu nehmen von der Vorstellung, man könne die Probleme dieser Städte lösen, wenn man sich vor allem auf die Beseitigung von Slums konzentriere. Die Überwindung der vornehmlich sozialen, aber auch ökologischen und ökonomischen Probleme wird nur gelingen, wenn die Städte die bestehenden Funktionsdefizite insgesamt abbauen und insbesondere Perspektiven für junge Menschen erarbeiten können. Gefordert ist ein integrierter Blick auf die Stadt als Ganzes, auf Stadt und städtische Infrastrukturen, auf die soziale und integrierende, die ökologische und ökonomische Funktion von Stadt – auch im Kontext ihres Einzugsgebietes. Eine erfolgreiche Entwicklungspolitik muss sich in besonderer Weise konzentrieren auf den Ausbau städtischer Infrastruktur in wachsenden Städten, den sogenannten „urbanization economies“, sie muss sich bewähren in dem sozialen Funktionieren städtischer Quartiere und in der Breite wirtschaftlicher Aktivitäten, den sogenannten „localization economies“. In diesem Beitrag stehen vornehmlich die ökologische Funktionen von Städten im Vordergrund. Es spricht vieles dafür, dass die globale Urbanisierung ungebremst fortschreiten wird und viele Städte, nicht nur die Megacities dieser Welt weiterhin das Ziel einer auf Verbesserung ihrer prekären Lebensumstände hoffenden Landbevölkerung bleiben. Die Städte sind der Motor des Wirtschaftslebens aller Länder, auch der technischen und kulturellen Entwicklung. Die Notwendigkeit innovativer Konzepte zum Umgang mit dem Klimawandel, zu einer nachhaltigen Energieversorgung sowie zur Lösung anderer ökologischer Probleme zeigt sich in den explodierenden Städten Afrikas und Asiens besonders deutlich. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass jüngst nicht das beschauliche Bonn Sitz der neuen Internationalen Agentur für erneuerbare Energie (IRENA) geworden ist, sondern Masdar City, die im Aufbau befindliche Öko-Musterstadt in der Wüste des Emirats Abu Dhabi. Dort wird man Erfahrungen im Umgang mit den natürlichen Potenzialen von Städten bei Energienutzung und -verbrauch sammeln. Offensichtlich wurde die Bereitschaft belohnt, sich intensiv den anstehenden Fragen nachhaltiger Energieversorgung zu stellen, und zwar in einer nach wie vor an Erdöl und Erdgas reichen Region. Masdar City ist ein Experiment, eine Art Versuchslabor. Die dort gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse werden Lösungsansätze hervorbringen können für eine intelligente, nachhaltige Organisation städtischer Strukturen. Nicht vergessen darf man aber, dass es sich um einen fortschreitenden Erkenntnisprozess handelt, bei dem vermeintliche Wahrheiten nur so lange gelten, wie sie nicht durch neue Erkenntnisse widerlegt sind. Daher ist es nicht verwunderlich, dass mehr und mehr „Masdar Cities“ entwickelt werden, das die dabei gefundenen Erkenntnisse auch in die Umgestaltung vorhandener Städte zu „Ecocities“ genutzt werden. Zu Beginn meines Vortrags habe ich angemerkt, auf einen zweiten Aspekt von Stadt einzugehen. Der betrifft vor allem die Situation in den Agglomerationen entwickelter Länder – also auch in Nordrhein-Westfalen, dem eigentlichen Bezugsrahmen dieses Kongresses zur Stadt. Die europäische Stadt hat hohe Standortqualitäten und damit auch erhebliche Wettbewerbsvorteile im globalisierten Wettbewerb um Investitionen und Arbeitsplätze, die es zu sichern gilt. Das verlangt auch, zu einer veränderten Perspektive im Blick auf Stadtentwicklung zu gelangen: Immer mehr Städte müssen neue Stadtprofile erfinden, die den Anforderungen der sich beschleunigenden sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen gerecht werden. Die 2007 auf EU-Ebene verabschiedete Charta von Leipzig zur integrierten Stadtentwicklung ist einer der Belege für den von mir eingangs angesprochenen Bedeutungsgewinn von Städten in der aktuellen politischen Wahrnehmung. Ich finde es übrigens faszinierend, wie lange man von der Charta von Athen (1932) bis zur Charta von Leipzig (2007) gebraucht hat! Die aktuellen städtebaulichen Leitbilder entsprechen (wieder stärker) den Strukturen und Idealvorstellungen der europäischen Stadt. Die bis heute vorherrschende Präsenz der Charta von Athen im deutschen Planungs- und Baurecht führt allerdings dazu, dass es beispielsweise immer noch viel zu sehr um die Einhaltung von Abstandserlässen und Funktionstrennungen geht, obwohl die Anforderungen ganz eindeutig kompakte Strukturen, Funktionsmischung zwingend einfordern. Nicht-industrielle Arbeit, umweltverträgliches Gewerbe und attraktives Wohnen lassen sich durchaus miteinander vereinbaren und verringern ursächlich den innerstädtischen Verkehr. Es geht darum, multifunktionalen Nachbarschaften und Stadtquartieren Raum und Unterstützung zu geben. Eine besondere Anforderung an das Funktionieren von Städten in einer Zeit, die gekennzeichnet wird durch eine Bevölkerung, die weniger, älter, aber auch bunter wird. Die Attraktivität der Nähe muss größer werden, die der Fläche geringer. Es gibt noch einen anderen Aspekt, weshalb Nähe wieder an Bedeutung gewinnt. Die soziale Dynamik und die wirtschaftlichen Zwänge, mit der Lebensorte und Berufe gewechselt werden, die Leichtigkeit der Raumüberwindung, globale Verflechtungen jeder Art, die zusätzliche virtuelle Dimension des Raums durch das Internet: All dies führt zu einem steigenden Wunsch nach Heimat und Nähe. Heimat: a German dream. Wenn Globalisierung beherrschend wird, gibt es eine zusätzliche Prämie auf Nähe. Dies zeigt sich in einer Renaissance des Regionalen und einer Notwendigkeit der Identifikation mit Regionen und ihren Besonderheiten. Das gilt in hohem Maße im kulturellen Bereich, der „cultural diversity.“ Das gilt aber auch hinsichtlich der regionalen Artenvielfalt, der „biological diversity“. Ich gehe davon aus, dass die Identifikation mit der natürlichen Vielfalt von Regionen eine Renaissance erleben wird. Dies ist im Jahre der biologischen Vielfalt, also in diesem Jahre 2010, besonders dringlich anzumahnen und zu ermöglichen. Heimat ist vor allem Identität mit der Region – ein Angebot, das sich an Ansässige wie Zugewanderte richtet. Diese Orientierungsmöglichkeit vermittelt gesellschaftliche Stabilität in einer globalisierten Welt. Dies ist nicht nur eine Erfahrung in Deutschland und in der entwickelten Welt: Auch in Afrika gibt es eine Renaissance des Regionalen, denn auch dort schreitet die soziale und kulturelle Entwurzelung vor dem Hintergrund der Globalisierung fort. Wir können dankbar sein für die föderale Struktur Deutschlands: Sie trägt wesentlich dazu bei, gesellschaftliche Stabilität in einer globalisierten Welt zu stärken. Lassen Sie mich hinzufügen: Man sollte sich nicht auf einseitige Wirtschaftlichkeitsberechnungen einlassen, nach denen durch Zusammenlegungen – zum Beispiel von Verwaltungseinheiten – vor allem Kosten gespart werden könnten. Ich erinnere an den einen oder anderen, bis heute die betroffenen Bürgerinnen und Bürger nicht überzeugenden kommunalen Zusammenschluss hier in Nordrhein-Westfalen vor mehr als 35 Jahren. Es bestätigt sich mehr denn je: Vielfalt ermöglicht Identität und damit gesellschaftliche Stabilität.
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