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Impulsvortrag von
Prof. Dr. Walter Siebel
Institut für Sozialwissenschaften – Arbeitsgruppe Stadtforschung, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg


 

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Stadtentwicklung muss ästhetischen, ökologischen, ökonomischen, sozialen und technischen Anforderungen gerecht werden. Die europäische Kulturhauptstadt 2009 Linz hat überzeugend die akustische Wahrnehmung von Stadt als weitere wichtige Dimension der Stadtentwicklung thematisiert. Stadtpolitik ist offenkundig ein schwieriges Geschäft. Ihre Aufgaben sind nicht nur ungeheuer komplex, die verschiedenen Anforderungen sind obendrein schwer vereinbar. Ich will diese Schwierigkeiten noch vermehren, indem ich an drei Themen auf mögliche Widersprüche in den Anforderungen an eine lebenswerte Stadt hinweise:
Wohnen in der Stadt: zwischen Heimat und Maschine;
die Struktur der Stadt: zwischen Mosaik und Verinselung;
die Kultur der Stadt: zwischen Babel und Jerusalem.

Heimat und Maschine

Seit 2004 hat die Bevölkerung in den Innenstädten der großen Städte wieder zugenommen.
Wer trägt diese neue Nachfrage nach Innenstadt?
Es sind junge Menschen: jeder Fünfte ist zwischen 18 und 29 Jahren alt,
es sind Zuwanderer: jeder Fünfte hat keinen deutschen Pass,
es sind Singles: 61% aller Haushalte sind Ein-Personenhaushalte,
es sind Arme: jeder Achte bezieht Transferzahlungen
und es sind auch immer mehr alte Menschen.

Diese Gruppen stellten schon immer die typischen Großstadtbewohner.
Neu ist lediglich, dass es heute mehr davon gibt:
aufgrund der Expansion des Bildungswesens mehr Ausbildungswanderer,
aufgrund der internationalen Migration mehr Zuwanderer,
aufgrund u.a. des Wandels der Frauenrolle mehr Ein-Personenhaushalte,
aufgrund einer zunehmend ungerechten Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands mehr Arme (und mehr Reiche),
und aufgrund des demographischen Wandels mehr Alte.

Diese Entwicklungen tragen dazu bei, dass zunehmend widersprüchliche Anforderungen an das Wohnen in der Stadt herangetragen werden:

Arme, Studenten und viele Zuwanderer brauchen billigen Wohnraum. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach hochwertigem Wohnen in den Innenstädten seitens einkommensstarker, hochqualifizierter Arbeitskräfte. Es geht aber um mehr als nur eine ökonomische Polarisierung. Es polarisieren sich auch die Lebensweisen. Die innerstädtischen Wohnquartiere müssen sehr verschiedenen Leitbildern gerecht werden:

Einmal die Stadt als Heimat, in der man sich auskennt und wo man gekannt wird, mit der man seine Geschichte verbindet und in der man ein Stück der eigenen Identität bestätigt finden kann. Dieses Bild vom richtigen Wohnen dominiert bei alten Menschen. Alte Menschen haben einen zentralen Wohnwunsch: in der eigenen Wohnung, in der bekannten Umgebung und mit den vertrauten Nachbarn alt zu werden. Sie wollen beheimatet sein. Alte Menschen verbringen ¾ ihrer wachen Zeit in der Wohnung und der näheren Wohnumgebung.
Allein durch den demographischen Wandel wird die Bedeutung des Wohnquartiers außerordentlich steigen. Dabei erweitern sich die Dimensionen, in denen Wohnqualität definiert wird: Räumlich über die Wohnung hinaus in das Wohnumfeld, inhaltlich über architektonisch-technische Aspekte hinaus in einen weiten Bereich sozialer Dienstleistungen, die differenziert und flexibel auf die im Prozess des Alterns sich wandelnden Anforderungen reagieren können.

Das Wohnquartier spielt auch für Zuwanderer eine zentrale Rolle. Der neu Zugewanderte benötigt die ethnische Kolonie. Hier versteht man seine Sprache, hier kann er erste Informationen über die fremde Gesellschaft erhalten, er findet materielle und psychische Unterstützung und Schutz vor sozialer Isolation. Die ethnische Kolonie dient ihm als ein Brückenkopf vertrauter Heimat in der Fremde, aber es ist eine ganz andere Form von Heimat:
keine durch Geburt, Sesshaftigkeit und Aneignung über lange Zeiträume erworbene, sondern eine mitgebrachte, eine importierte Heimat.

Aber nicht alle Zuwanderer sind – mit Simmel`s Worten gesprochen – gekommen um zu bleiben. Neben diesem, dem klassischen Migranten, gibt es noch zwei weitere Typen: der Transnationale, der dauerhaft sowohl hier wie in seinem Heimatland lebt. Dazu rechnen viele Polen und Russen in Berlin. Man könnte auch deutsche Rentner dazu zählen, die den Sommer auf Mallorca verbringen. Und drittens der Transitorische, der – aus welchen Gründen auch immer – im Durchschnitt sich 4 Jahre in der Bundesrepublik aufhält. Die Transitorischen bilden eine äußerst heterogene Gruppe, zu der sowohl Arme und Unqualifizierte zählen, die in der informellen Ökonomie beschäftigt werden, wie einkommensstarke, hochqualifizierte Arbeitskräfte internationaler Unternehmen. Für die einen hält die Stadt die Zones of Transition bereit mit Boardinghouses und heruntergekommenen Mietunterkünften, für die anderen Appartements mit luxuriöser Infrastruktur vom Fitnesscenter bis zur internationalen Schule. Für den Transitorischen, aber auch für manchen Transnationalen und Ausbildungswanderer fungiert die Stadt als Boardinghouse resp. als Hotel, wo man sich vorübergehend aufhält und ansonsten in Ruhe gelassen werden möchte.

Noch eine dritte idealtypische Funktion der modernen Stadt als Wohnort lässt sich benennen: die Stadt als Maschine. Sie ist die Voraussetzung für die berufszentrierte Lebensweise des modernen Singles. Früher konnte man ein berufszentriertes Leben führen, soweit man über einen traditionellen Haushalt einschließlich einer Haufrau verfügte, wodurch einem der Rücken frei gehalten wurde von allen außerberuflichen Verpflichtungen.
Da die traditionelle Hausfrau heute weitgehend ausgestorben ist, benötigen karriereorientierte Frauen wie Männer die moderne Stadtmaschine, die all das marktförmig oder staatlich organisiert, d.h. als vergesellschaftete Dienstleistung anbietet, was früher im privaten Haushalt in informeller Arbeit vornehmlich der Frau bereitgestellt wurde.

Mosaik und Verinselung

Heimat und Maschine bezeichnen die Pole eines breiten Spektrums sehr unterschiedlicher Erwartungen an die Lebensbedingungen in der Stadt. Das zweite Begriffspaar, Mosaik und Verinselung, benennt keine Erwartungshaltungen, sondern ein positives bzw. ein negatives Szenario der segregierten Stadt. Segregation, die Konzentration verschiedener sozialer Gruppen in verschiedenen Territorien der Stadt, ist ein universelles Phänomen. Aber dieses Phänomen kann sehr unterschiedliche Ursachen und damit sehr unterschiedliche Funktionen haben.
Segregation ist häufig erzwungen durch mangelnde Kaufkraft und Diskriminierung, sie kann aber auch freiwillig zustande kommen: In einer sozial gemischten Nachbarschaft ergeben sich vielfältige Reibungsflächen, allein schon durch unterschiedliche Sauberkeits-Standards, Lärmtoleranzen, oder dadurch, dass verschiedene Tagesrhythmen gelebt werden.
Wer kann, geht solchen Konflikten im Wortsinn aus dem Weg, indem er in die Nachbarschaft von Seinesgleichen zieht. Segregation übersetzt soziale und kulturelle Distanzen in räumliche Distanzen und entschärft dadurch die möglichen Konflikte zwischen sozialen Gruppen mit verschiedenen Lebensstilen, Gewohnheiten, Konsummöglichkeiten.

Aber Segregation dient nicht allein dazu, Konflikte zu vermeiden. Sie ist auch eine notwendige Stufe im Prozess der Integration. Die ethnische Kolonie mildert den Schock der Migration und erleichtert die Bildung informeller Hilfsnetze, auf die die Zuwanderer, solange sie noch nicht in den Arbeitsmarkt und die sozialstaatlichen Sicherungsnetze integriert sind, besonders angewiesen sind. Deshalb sind Einwanderungsstädte stets segregierte Städte, sie bilden ein Mosaik kleiner Lebenswelten: Little Italy, the Gold Coast, China Town. Auch die deutschen Einwanderer sind zunächst nach Little Germany gezogen. Die Stadt als Mosaik verschiedener Lebenswelten, die sich berühren, aber nicht vermischen, ist Bedingung für ein relativ konfliktarmes Nebeneinander von Fremden in der Stadt und notwendige Stufe im Prozess der Integration.

Schließlich sind drittens bestimmte Formen von Segregation Voraussetzung für die Produktivität der Stadt. Gerade Arbeitsplätze in der wissensbasierten Ökonomie sind rein technisch gesehen kaum standortgebunden. Trotzdem konzentrieren sie sich auf die großen Agglomerationen, manchmal auf einzelne Stadtviertel und sogar Straßenzüge. Das deshalb, weil so sich ein Milieu entwickeln kann, das die in diesen Branchen geforderten Fähigkeiten unterstützt. In den Theorien über Clusterbildung, Lokalisationsvorteile und innovative Milieus finden sich ausführliche ökonomische Begründungen für die Vorteile der räumlichen Verdichtung von Betrieben derselben Branche in bestimmten Stadtvierteln. Das kann übertragen werden auf die räumliche Konzentration von Menschen mit gleichen normativen Orientierungen, ähnlichen Interessen, Qualifikationen oder Lebensstilen: ihre räumliche Nähe erleichtert die Bewahrung und Ausdifferenzierung von Besonderheit. So bilden sich unterschiedliche kulturelle Szenen und Milieus. Stadtkultur ist eine Kultur der Differenz, und urbane Differenz braucht, um sich zu entfalten, Räume der Homogenität.

Die Stadt als Mosaik verschiedener Lebenswelten und kultureller Milieus dient der Vermeidung von Konflikten, sie ist eine Bedingung gelingender Integration und sie ist Voraussetzung für die ökonomische und kulturelle Produktivität von Stadt.
Aber segregierte Quartiere können leicht zu Fallen werden. Unter Bedingungen entspannter Wohnungsmärkte entstehen soziale Brennpunkte nicht nur durch Verdrängung der Schwachen, sondern in einer Art passiver Segregation durch den Fortzug der Bessergestellten. Zurück bleibt eine benachteiligte Bevölkerung in einem physisch, sozial und symbolisch heruntergekommenen Gebiet, das ihren Bewohnern tagtäglich vor Augen führt, dass sie am Rand der Gesellschaft angekommen sind. Dann ist es kein Wunder, wenn diese beginnen, sich nun auch selber als randständig zu begreifen – die subjektive Seite objektiver Ausgrenzung und die Bedingung ihrer Verfestigung. Obendrein lenken die Filter auf den Wohnungsmärkten die Zuwanderer gerade in diese Gebiete, wo sie auf die deutschen Verlierer des Strukturwandels stoßen. Statt gelingender Integration entwickeln sich hoch konfliktträchtige Nachbarschaften.

Gleichzeitig bedingt die Nachfrage der einkommensstarken Arbeitskräfte mit nicht-familialen Lebensweisen, dass Wohnviertel in den Innenstädten aufgewertet werden. Das Nebeneinander von Quartieren der Ausgrenzung und Quartieren dieser neuen, wohlhabenden Urbaniten führt zu einer Verinselung der Stadtstruktur, die nun die Integration der Stadtgesellschaft doppelt bedroht: Das Nebeneinander von Armut und Luxus lässt die zunehmend ungerechte Verteilung des gesamten Reichtums im Alltag der Städte auf provozierende Weise sichtbar werden.
Und in den erzwungenen Nachbarschaften der deutschen Verlierer und der nichtintegrierten Zuwanderer entstehen Konflikte aggressiver, gegenseitiger Abgrenzung,

Die Stadt als Mosaik kleiner Welten, die einander berühren, sich aber nicht vermischen, ist das positive Szenario der segregierten Stadt. Inseln aber sind voneinander durch breite und tiefe Wasser getrennt; Verinselung ist das negative Szenario, in der Segregation die gesellschaftlichen Spaltungen räumlich überhöht und dadurch verfestigt.

Babel und Jerusalem

Soziale Polarisierung kennzeichnet gerade die urbanen Zentren der Dienstleistungs- und Wissensökonomie. Durch sie wird jenes Reservoir billiger Dienstleistungsarbeiter bereitgestellt, auf die der moderne karriereorientierte Single angewiesen ist, um sein berufszentriertes Leben organisieren zu können. Florida vergisst die soziale Polarisierung als unter Marktbedingungen notwendige, funktionale Voraussetzung des entspannten Lebensstils seiner kreativen Klasse. Das dürfte einer der Gründe sein, weshalb seine Thesen so gerne von Stadtpolitikern aufgegriffen werden. Ein weiterer Grund dafür liegt in seiner eindimensionalen Auffassung von Urbanität. Richard Florida banalisiert Urbanität zur anregenden, toleranten Szene, die die Angehörigen der kreativen Klasse als Ambiente schätzen. Aber Urbanität ist auch anstrengend. Das kann man in dem mittlerweile 100 Jahre alten Essay Georg Simmel`s über die urbane Lebensweise nachlesen. Die Stadt ist ein Ort, an dem Fremde leben. Und das Zusammenleben von Fremden ist zutiefst verunsichernd und konfliktträchtig. Urbanität erschöpft sich nicht in Gewimmel, Straßencafe und Galerieszene und sie ist mehr als gesittetes Flanieren auf baumbestandenen Alleen. Urbanität ist auch gegen Sitte und Ordnung gerichtet. Die Spannung von Ordnung und Chaos ist eine wesentliche Quelle der Produktivität einer urbanen Kultur. Zur urbanen Stadt gehören auch das Rotlichtviertel, die halb- und illegalen Aktivitäten der Schattenwirtschaft, die Stätten geheimer Wonnen und Lüste des Bürgers. Die große Stadt gewährleistet erst jene Unübersichtlichkeit und Anonymität, in deren Schutz der brave Bürger seinen weniger reputierlichen Neigungen nachgehen kann, ohne gleich von Verwandtschaft und Polizei zur Ordnung gerufen zu werden. Es gibt auch eine Nachtseite der Urbanität. Alfred Döblin hat sie in „Berlin Alexanderplatz“ beschrieben. Eine Geschichte europäischer Urbanität wäre unvollständig ohne die Erzählungen vom Golem in Prag und von Jack the Ripper in London. Zur urbanen Stadt gehört auch das Labyrinth der Gassen, in dem man sich verirren kann. Deshalb hat die europäische Stadt zwei mythische Gründungsväter: Hippodamos, den Erfinder des rationalistischen Straßenrasters von Milet, und Dädalos, der das Labyrinth von Knossos erbaut hat.

Urbane Orte sind Spannungsorte
• zwischen physischer Näher und sozialer Distanz,
• zwischen Geschichte und Gegenwart,
• zwischen Anonymität und Heimat,
• zwischen rationaler Ordnung und labyrinthischem Chaos.

Das heilige Jerusalem und die Hure Babylon sind die beiden Archetypen des Städtischen. Damit entzieht sich Urbanität dem planenden Zugriff. Urbanität lässt sich ebenso wenig planen, wie man mit Wirtschaftsförderung innovative Milieus ins Leben rufen kann. Stadtpolitik kann allenfalls für urbane Entwicklungen Raum lassen.