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Impulsvortrag von
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Stadt:Baukultur Bevor ich über das eigentliche Thema Baukultur spreche, möchte ich daran erinnern, wo der Begriff „Kultur“ seinen Ursprung hat: in der Agrikultur, der Bodenkultur, das heißt in der Bearbeitung und Pflege landwirtschaftlich kultivierter Flächen. Orientiert man sich an diesem Bild, dann wird sichtbar, dass der lateinische Begriff bereits mehrere Ebenen beinhaltet: die des Schaffens, der Erhaltung, des Kultivierten, aber auch das Sammeln, Nutzen und Weitergeben des Wissens um Methoden der Kultivierung. Kultur ist also ein Prozess des Schaffens und Bewahrens gleichermaßen. Nehmen wir nun den Begriff ‚Bau’kultur, so ist dies die Kultivierung der gebauten Stadt, wie Agrikultur die Kultivierung des urbar gemachten Landes ist. Kultivierung ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem erlernte Fertigkeiten über Generationen und über Jahrhunderte bewahrt, verfeinert, verbessert und weitergegeben werden. Speziell in der Forstwirtschaft mit ihren langen Re-Produktionszyklen ist sehr früh der entscheidende Aspekt „guter“ Kultivierung ins Spiel gekommen: die Nachhaltigkeit des eigenen Wirtschaftens zum Gemeinwohl späterer Generationen. Kulturelle Nachhaltigkeit bedeutet: Kollektive Kultivierung ist nur möglich auf der Grundlage individueller Kultivierung, muss also von Generation zu Generation über Persönlichkeitsbildung übertragen werden. Kulturelle Bildung setzt sich lebenslang fort, sei es sozial, sittlich, musisch, gedanklich, sei es in Familie, Schule oder Beruf. Weil mit diesem Verständnis Werte und Wissen weitergereicht werden, ist Kultivierung tendenziell konservativ, als sie dazu neigt, das erreichte Kulturgut – also den gesellschaftlichen Leistungsstand vieler Generationen – zu bewahren und zu tradieren. Wissensaneignung und -verarbeitung aber sind ein fortdauernder, kaum aufzuhaltender Prozess, der zu neuen Erkenntnissen und technischem Fortschritt führt. Infolgedessen ergeben sich immer wieder Veränderungen, zum Beispiel auch solche der Umweltbedingungen und der Entfaltungsmöglichkeiten für Gesellschaft und Individuum. Wenn dagegen Kultivierung erstarrend beim Bewährten verharrt und nicht den kulturellen Fortschritt einbezieht, entsteht zwischen Verharren und Fortschreiten die so genannte „kulturelle Lücke“. Eine soziale und kulturelle Lücke verursacht aber – wenn sie nicht überbrückt wird – ruckartige gesellschaftliche Veränderungen infolge sich stauender Spannungen, sogenannte Sozial- und Kulturrevolutionen. Die Trennung der ursprünglichen Baumeister in Architekten und Ingenieure, zwischen Baukunst und Ingenieurtechnik vollzieht sich nach der ersten industriellen Revolution erst im 19. Jahrhundert. Die Ingenieurbaukunst feierte mit neuer Bautechnik, bisher nicht gekannten Konstruktionen (z. B. von Brücken und Hochhäusern) Triumphe des Fortschritts und stand im Mittelpunkt des Interesses einer Gesellschaft, die sich am technischen Fortschritt berauschte. Die ‚Kulturrevolution’ der Architekten der 1920er Jahre versuchte die nicht überbrückte Lücke zwischen retrospektiver eklektizistischer Architektur und progressiver Ingenieurbaukunst zu überspringen, indem sie durch eine konstruktivis-tische, Industrie konforme und dynamische Styling- Ästhetik die Deutungshoheit der traditionellen Architektur über die technisch fortgeschrittene Technik zurück erlangen wollte. Es hat im Europa dieses 20. Jahrhunderts noch gravierendere Formen ideologischer Umwälzung infolge nicht überbrückter Lücken in der sozialen Realität gegeben, die hier wenigstens Erwähnung finden sollen: Ich denke z. B. an die sozialistische Oktoberrevolution im zaristischen Russland 1917, aber auch an die verhängnisvollen Hinwendungen zweier hochentwickelter Industriegesellschaften, zum Faschismus in Italien 1922, zum Nazi-Kult in Deutschland 1933. Aber auch die zwischen 1945 und 1965 nachfolgende Entkolonialisierung im Orient, in Afrika, in Indien und China zählt zu diesen großen Umbrüchen mit Kulturrevolu-tionen. Heute äußern sich diese Verwerfungen in den Gesellschaften vor allem als reli-giöse Konflikte. Aus stagnierendem kulturellen Bewahren und Pflegen ist rücksichtsloses Zerstören und Probieren geworden. Das gilt wechselwirkend für die gesellschaftliche Gesittung wie für die bauliche Kultivierung. Das Vergessen des kulturell Erreichten – also früherer Errungenschaften – wird jedoch ebenso zum Feind eines wohl-bedachten Fortschritts wie die ignorante Verdrängung des traditionell Bewährten durch rücksichtlose Technik und die dadurch gestörten Gesellschaftsverhältnisse. Es geht somit bei aller Baukultur also um einen Abwägungsprozeß zwischen Herkunft und Zukunft. Ein geflügeltes Wort sagt: Ohne Herkunft keine Zukunft! Für die Evolution aller Kultur, das heißt auch von Stadtkultur und Baukultur, gilt der Satz von Carl-Friedrich von Weizsäcker: „Tradition ist bewährter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition.“ Baukultur ist so verstanden evolutionär; deshalb hüte man sich vor dem Tunnelblick so genannter Avantgarden, die einen gedankenlosen Bruch mit dem Tradierten riskieren – und damit mit allem bewährten Fortschritt und damit die Identifikation mit der weitergeführten Tradition opfern. Baukultur ist immer auch politische Kultur. Und auch hier sei an die Herkunft des Begriffs Politik erinnert, der sich vom griechischen Wort polis für „Stadt“ ableitet. Die antike polis war das Gemeinwesen ihrer Bürger und auf deren Gemeinwohl orientiert. Die bislang höchste Form politischer Kultur ist Demokratie. Demokratie für alle Bürger ist die größte sittliche Errungenschaft unserer Gesellschaft. Politische Kultivierung in der Demokratie ist für das Gemeinwohl und erfordert zugleich einen gesellschaftlichen Luxus. Die Interessenabwägung für das unverzichtbare Gemeinwohl zwischen Individuum und Gesellschaft kostet zum einen sehr viel Zeit für Abstimmungsprozesse – sicher der aufwendigste gesellschaftliche Luxus – und bedeutet zum anderen unvermeidlich die Inkaufnahme problematischer Kompromisse. Wenn solche Kompromisse im Städtebau und damit in der Stadtgestalt dem Allgemeinwohl dienen, spiegelt sich das auch in der Wahrnehmung, d.h. der Ästhetik der Stadt. Diese urbane Ästhetik der gewachsenen und gesellschaftlich ausbalancierten Bürgerstadt ist Europas kulturelles Vermächtnis. Baukultur in der Demokratie ist eine Partizipations-Kultur. Diese hat die inne-wohnende Eigenschaft der Selbst-Korrektur. Das Land zwischen Rhein und Ruhr ist eine differenzierte Stadtlandschaft, die von der ersten und zweiten industriellen Revolution geprägt ist und deren Baukultur heute – und das ist das Entscheidende – in partizipatorischer Demokratie weiterentwickelt wird. Baukulturelle Aktivitäten sind immer mit einem gesellschaft-lichen Identifikationsbedürfnis verbunden. Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ist eine solche Aktion des Erinnerns und der Identifikation gewesen. Auch die Pläne zur Neuerrichtung des Berliner Stadtschlosses haben die Idee einer Verbindung von Alt und Neu vor und integrieren zudem in den wieder zu errichten-den Baukörper ein öffentliches Forum. Seitdem das Schloss als „Humboldt-Forum“ bezeichnet wird, wird es ein Element der Identifikation. Das ebenfalls zum Wiederaufbau anstehende Stadtschloss in Potsdam, dessen Gestaltwerdung in der Prozedur einer Public Private Partnership gestartet ist, steht ebenfalls für ein Element der Identifikation – hier in der Funktion als Landtagsgebäude für das Land Brandenburg. Beide Vorhaben nehmen neue öffentliche Nutzungen auf und erfüllen dabei auch eine demokratische Funktion. Der realisierte Wiederaufbau der Schlossfassade in Braunschweig und die geplante Wiedererrichtung des Schlosses in Hannover-Herrenhausen – beide waren kriegszerstört und gänzlich abgetragen – stehen dagegen für die Sehnsucht nach Rekonstruktionen, die allein retrospektiv an eine frühere Identität des Ortes anzuknüpfen. Lassen Sie mich noch signifikante Großprojekte kulturellen Ranges in Nordrhein-Westfalen ansprechen, die besonders nachhaltig den Stadt- und Landschaftsraum verändern und ihm eine in die Zukunft gerichtete Funktion gegeben haben: Konrad Adenauer hat mit Hilfe von Fritz Schumachers Stadtplanung in den 1920er Jahren den Kölner Grüngürtel und den Wallring zur grünen Stadtlandschaft kultiviert. Karl Ganser hat in den 1990er Jahren mit Hilfe der IBA Emscher Park damit begonnen, Industriebrachen beiderseits des Vorfluters Emscher zu kulti-vieren und im Interesse des Gemeinwohls in eine erholsame Industrielandschaft zu verwandeln. Ein ganz aktuelles Beispiel: der Umbau – anstelle des schon vorgesehenen Abrisses – des in den 1920er Jahren errichteten Hans-Sachs-Hauses in Gelsenkirchen steht für einen demokratischen und baukulturellen Lernprozess: Er zeigt einen verantwortungsbewussten Umgang mit einer architektonischen Ikone aus der Zeit des sozialen Aufbruchs der Arbeiterbewegung und füllt dieses Gebäude zugleich mit neuem Leben: Die Bevölkerung in Gelsenkirchen erhält mit Hilfe engagierter Bürger, Politiker, Architekten und Ingenieure – quasi in einem Volksbegehren für das Gemeinwohl – ein Bürgerhaus, wobei das völlig neue Innere und die Ergänzung mit der historischen Fassade wie ein beziehungsvolles Nachspiel inszeniert werden. Dieses Beispiel signalisiert als pars pro toto die Baukultur an Rhein und Ruhr:
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