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[Es gilt das gesprochene Wort!] Jetzt gerade, am Beginn des – ich behaupte einfach einmal – wichtigsten Jahrzehnts der städtebaulichen Entwicklung und der Baukultur seit langem – laufen vielfältige Entwicklungen ab. Wir können ihrem Beginn zusehen. Entwicklungen, die nur deshalb möglich sind, weil viele Beteiligte in neuen Allianzen und gemeinsam getragener Verantwortung über viele bislang bestehende Grenzen hinweg gemeinsam arbeiten; seien das politische Grenzen von Gebietskörperschaften, Grenzen zwischen verschiedenen Fachdisziplinen oder auch nur selbst auferlegte Grenzen von alter Tradition, getreu dem Motto: das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir ja noch nie so gemacht oder: da könnte ja jeder kommen! Und am Anfang dieses neuen Jahrzehnts besteht eine weitere – für mich fast die wichtigste – große Chance, dass sich Gedanken über Stadtentwicklung oder Baukultur auch wirklich umsetzen lassen. Viele, sehr viele Bürgerinnen und Bürger denken über ihr Leben in Zeiten des demographischen Wandels, der energetischen Herausforderungen, der ganz eigenen, geänderten Anforderungen an ihr eigenes Lebensumfeld nach. Davon haben wir alle gerade etwas in dem Film erlebt! Wann also, wenn nicht jetzt, lohnte es sich, diese große Chance zu nutzen. Einen gewichtigen Beitrag dazu erhoffe ich mir von diesem Kongress heute, zu dem ich Sie alle herzlich hier im alten Bundestag in Bonn begrüße. Ich freue mich sehr auf sicher gute, fachübergreifende, Grenzen überschreitende Beratungen ohne Denkverbote! Meine sehr geehrten Damen und Herren, mehr als 80 % der Bürgerinnen und Bürger Nordrhein-Westfalens leben im städtischen Raum. Das ist kein ungewöhnlicher Wert. In ganz Europa sind es etwa 75 % der Einwohner. An diesen Zahlen wird deutlich: Unsere Städte sind die Kristallisationspunkte unseres Lebens, sind Orte der Arbeit, der Freizeit, der Forschung und Innovation. In unseren Städten spiegeln sich die Probleme und Herausforderungen unserer Gesellschaft und gleichzeitig entwickeln sich hier die Ideen, Konzepte und Lösungen für eben jene Herausforderungen und Aufgaben, die vor uns liegen. Deshalb ist und bleibt die Stadt jener Ort, der sich am ehesten als räumliches Zentrum menschlicher Hoffnung erweist.
Wenn 80 % unserer Bürgerinnen und Bürger in Städten leben, dann finden oder erhoffen sie sich dort das, was ich Heimat nenne. Heimat ist ein Synonym für die Suche nach einem Ort, einer Straße oder einem Platz der Geborgenheit – oder wohl noch umfassender: nach einem Lebensgefühl, das weit über den Ort hinausgeht, an dem es gelebt wird, das ohne diesen festen Ort der Geborgenheit aber gar nicht vorstellbar wäre. Das hat nichts mit Idylle oder Ideologie zu tun, sondern diese Suche des Menschen nach Geborgenheit ist offenbar eine genetische Vorprägung seit Jahrtausenden. Ich weiß: Heimat ist stets individuell. Anders als für frühere Generationen ist Heimat als Ort heute frei wählbar. Beheimatung und Verortung sind eigenständige Leistungen: Man findet sich wieder. Die spezifischen Angebote einer Stadt können dabei helfen. Ebenso wie besondere Nachbarschaften. Heimat empfinden zu können und in „der Heimat“ leben zu können, ist oft ein Privileg. Es bedeutet, genügend finanzielle Mittel zu haben, um dort zu leben wo man leben möchte und wo man ein Heimatgefühl entwickeln kann. Vielen Menschen ist es nicht möglich, dieses Gefühl zu entwickeln, denn sie müssen ihre Heimat verlassen, um zu überleben oder auch nur um an anderem Ort vielleicht einen Arbeitsplatz zu finden. Eine hoch mobile, Flexibilität einfordernde Welt schränkt Heimat- und Bindungsgefühle ein. Kann, so frage ich, Heimat ein Begriff der Stadtentwicklung sein? Können wir Heimat schaffen? Unsere städtischen Räume bieten sich schon aufgrund ihrer Jahrhunderte alten Geschichte als Heimat an. Die historische Orts- und Stadtmitte als funktionales Zentrum mit kommerziellen und kulturellen Angeboten, der Erhalt des baulichen Erbes sowie attraktive Baumöglichkeiten sind konstituierende Elemente der europäischen und damit auch unserer Städte. Der Stadtkern ist ein einzigartiger – in den letzten Jahrzehnten oft vernachlässigter – Teil der Stadt, der auch in besonderem Maße Identifizierung erlaubt. Das Gefühl des Dazugehörens zu einer Stadt hängt aber, da bin ich mittlerweile sicher, nicht vorrangig von der gebauten Umgebung und vom schönen Stadtbild ab. So wichtig das ist. Es hängt insbesondere vom Funktionieren der Stadt ab. Die Stadtfunktionen gehören ebenso wie die Schönheit der Stadt zu Aspekten städtischer Lebensqualität. Eine jüngst erschienene Veröffentlichung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung kommt zu dem Ergebnis: Könnten die Bewohnerinnen und Bewohner bei der Gestaltung ihres Wohnortes mehr entscheiden, gäbe es mehr Grün, mehr Fahrradwege und ein historisches Stadtbild mit Nahversorgungsgeschäften. Großstädte punkten besonders mit ihren zentralörtlichen Kultur-, Konsum-, und Versorgungsangeboten, Mittelstädte mit ökologischen Aspekten und Bürgernähe (Leben in deutschen Städten, BBSR 2008).
Das sind die Dinge, die viele einen. Aber wir dürfen nicht den Blick davor verschließen, dass es viele darüber hinausgehende, auch sehr unterschiedliche Interessen und Sichtweisen dazu gibt, die aber wiederum eines gemeinsam haben: Es geht um viel mehr als „nur“ darum, wie, wo, mit welchen Materialien und wann gebaut werden soll. Denkt man vertieft darüber nach, dann stellt sich und, die wir politisch, fachlich, beratend, entscheidend, in Theorie oder Praxis Verantwortung tragen, eine Aufgabe, die sich aus der Fülle aller in dem Einspielfilm gehörten Auffassungen, Ansprüchen, Interessen und Wünschen und noch vielem anderen, die in vier Minuten keinen Platz haben, zusammensetzt. Wir müssen also quasi ein Mosaik zusammensetzen, dessen Einzelteile zudem am Anfang nicht wirklich alle zueinanderpassen. Letztlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als maßgeblich daran mitzuwirken, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu unterstützen, nicht zu spalten, nicht Segregation und Trennung zum Maßstab des Handeln zu machen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu trennen, sondern zusammen zu führen – und zwar so, dass es funktioniert. Stadt:Baukultur Es sei um der Klarheit Willen festgestellt: Entscheidend ist, dass sich die in einer Stadt lebenden Menschen wohlfühlen. Dafür haben wir, jeder an seinem Platz, zu sorgen. Zweifellos ist die Schönheit der Stadt im wohlverstandenen Sinne eine wichtige Voraussetzung für unser Wohlempfinden. Aber eben nur eine – und neben anderen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen zu betrachten. Görlitz ist nach der Totalsanierung eine prachtvolle preußische Stadt. Aber fühlen sich die Menschen dort deshalb wohler, als jene in Bonn, Bottrop und Bochum oder Siegburg und Siegen? Die Gleichsetzung von Attraktivität und Schönheit wäre irreführend, weil Schönheit allein keine Attraktivität sichert. Pure, ungestörte Schönheit ist und wird mit der Zeit langweilig. Zur Attraktivität unserer Städte gehört ein lebendiges, kulturelles und tolerantes Profil. Wenn die urbanen, kreativen Milieus ihre Standorte suchen, so finden sie diese beispielsweise in Köln, einer objektiv nicht nur schönen, aber gleichwohl urbanen Stadt mit Brüchen und Widersprüchen und unterschiedlichsten Szenen. Niemand würde eine Wiederaufbau-Stadt im Ruhrgebiet als wirklich schön bezeichnen. Gleichwohl bietet das Ruhrgebiet insgesamt eine kulturelle Vielfalt und Dichte, wie kaum eine andere Region in Deutschland. Versuchen wir also Antworten auf die Frage zu finden: Was sind die Voraussetzungen und Bedingungen, damit eine Stadt schön wird? Gebäude und Ensembles, Plätze und Straßen, Parks und Gärten spiegeln den Charakter einer Stadt und lassen erkennen, was dort gedacht, produziert und wie in ihr gelebt wird. Oder präziser: Städte sind Ausdruck unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Eine Stadt, die industriell überformt ist, kann nicht schön sein. Aber sie kann schön werden. Denn die Geschichte der Stadt ist stetige Veränderung und Innovation, nie Stillstand. Was müssen wir also machen, wenn wir Verständnis für gute Gestaltung wecken und damit das Niveau des Wohlfühlens anheben wollen? Das ist auch eine Frage der Bildung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Man muss Schönheit verstehen lernen und auch akzeptieren, dass die Schönheit einen besonderen Wert darstellt. Das fängt in der Grundschule an und darf in der Universität nicht aufhören. Das große Einmaleins der Baukultur lautet: Sehen lernen, Zusammenhänge begreifen, Wertmaßstäbe entwickeln. Heimat und Identifikation der Menschen ist nur durch einen behutsamen Umgang mit der Stadt und einen langsamen und qualitätvollen Veränderungsprozess zu erhalten. Die Bürger sind in der Regel nicht für harte Brüche im Stadtbild zu haben. Wir brauchen die Balance zwischen Erhalt und Erneuerung. Dörfer, Stadtquartiere und Regionen müssen die Chance haben, ihre Eigenart zu erhalten. Es ist verständlich, dass sich die Bevölkerung zunehmend gegen die globale Standardisierung im Städtebau wehrt. Um es noch deutlicher zu sagen: Ob Libeskind oder Gehry in New York oder Düsseldorf bauen, hat für die Menschen in ihrem Alltag keine Bedeutung. Das schmälert den Wert dieser Architektur keineswegs. Der große Effekt ist das eine, das Maß und die Mitte das andere. Der Alltag der Menschen, die Bedürfnisse der Architekturnutzer und die regionale Baukultur müssen künftig stärker im Vordergrund stehen. Die Menschen brauchen eine gewisse Ordnung der Dinge. Deshalb ist es gut, wenn Architektur, Städtebau und Landschaftsplanung wieder verstärkt aufeinander zugehen. Diesen Dialog zu beflügeln wird eine Aufgabe unserer Landesinitiative StadtBauKultur weit über das Jahr 2010 hinaus sein. Für die Identität unserer Städte ist die Substanzerhaltung, die Revitalisierung von Altstadtkernen, Innenstädten und Wohnquartieren, die Schaffung von Aufenthaltsqualität in den öffentlichen Räumen und die Verbindung von Städtebau mit ökologischen Forderungen vordringlich. Unangefochten bleiben auch der städtebauliche Denkmalschutz und die Pflege Stadtbild prägender Einzelbauwerke. Dazu werden wir in Nordrhein-Westfalen mit dem Instrument der Städtebauförderung weiter beitragen. Stadt:Klima Wir verbrauchen in unseren Städten überproportional viele Ressourcen. 80 % der schädlichen Treibstoffgase beispielsweise werden in Städten produziert. Wir benötigen eine sichere, saubere und bezahlbare Energieversorgung. Dabei hängen Sauberkeit und Bezahlbarkeit eng zusammen. Auch für die CO2-Einsparung gilt die alte Theorie vom Grenznutzen. Deshalb sind zuvorderst diejenigen Einsparpotenziale zu heben, die keine Verteuerung auf der Verbraucherseite nach sich ziehen. Oder solche, die im sinnvollen Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen. Oder gar solche, die gesamtwirtschaftlich – und für jeden Einzelnen – sogar insgesamt positive Effekte hervorbringen können. Manche mögen staunen, aber ich bin der Überzeugung, dass genau dies mit einer konsequenten Integration des Klimaschutzes in die Stadt- und Quartiersentwicklung erreichbar ist. Klimaschutz wird vielerorts zu einem lokalen Wirtschaftsfaktor und Jobmotor, denn gerade von Sanierung im örtlichen Gebäudebestand profitiert das lokale Baugewerbe. Eine Renaissance der Stadt als Wohnort wird es nur dann geben, wenn Klimaschutz konsequent betrieben wird und die Städte für die Klimafolgen gerüstet sind. Deshalb haben wir in Nordrhein-Westfalen die Förderrichtlinien für Städtebau, Wohnungsneubau und Bestandsmodernisierung so geändert, dass die „Einsparung von Energie und die Reduzierung von Treibhausgasen“ Ziel setzend sind. Aber wohlgemerkt: Ich rede nicht über Subventionen, denn die energetische Sanierung im Bestand liegt in der überwiegenden Mehrzahl im wirtschaftlich wohlverstandenen Interesse der Eigentümer. Mit meinem ordnungspolitischen Grundverständnis ist es aber keinesfalls in Einklang zu bringen, Eigentümern Geld für Maßnahmen zu geben, die sie im eigenen wirtschaftlichen Interesse sowieso durchführen müssen. Es kann nur um ein geschicktes System aus einer anderen Verteilung von Abschreibungszeiträumen, indirekten Vorgaben bei sowieso bestehenden Förderprogrammen und ähnlichem gehen. Ich werde in meinem Haus in Abstimmung mit der Bundesregierung eine intensive wissenschaftliche Untersuchung über ein solches System in Auftrag geben und dann, wenn wir die Ergebnisse kennen, mich in Berlin für eine solche subventionslose Systematik einsetzen. Wir brauchen mehr Sanierung: 1 % ist zu wenig, mindestens 3 % müssen es schon sein! Wer über Stadt:Klima redet, der muss auch über die Inanspruchnahme bisher unbebauter Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke sprechen. Noch immer ist die Flächeninanspruchnahme in Nordrhein-Westfalen zu hoch, sie liegt derzeit bei rd. 15 ha/Tag. Das ist inakzeptabel. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche nimmt inzwischen einen Anteil von 22 % an der gesamten Landesfläche ein. Etwa die Hälfte davon ist versiegelt. Das führt in der Konsequenz zu gravierenden ökologischen und ökonomischen Problemen. Deshalb haben wir im Kabinett mit meiner vollen Unterstützung die „Allianz für die Fläche“ beschlossen. Zersiedelung und Flächenverbrauch müssen durch interkommunal abgestimmte und verbindliche Vereinbarungen begrenzt werden. Stadt:Machen Für unsere Städte wird es darauf ankommen, auf Basis der jeweiligen Stärken und Schwächen ein individuelles Standortprofil in interkommunaler Zusammenarbeit zu entwickeln. Das Profil muss dabei auf Vorhandenem aufbauen. Die viel genannten „Cluster“ entstehen nicht aus dem Nichts, sondern bauen auf vorhandenen kommunalen und regionalen Potenzialen auf. Derzeit ist viel von „kreativen Städten“ die Rede. Wissen und Kreativität haben in der Wirtschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im Sog einer internationalen Standortkonkurrenz konkurrieren Städte um mobile Faktoren wie Kapital, qualifizierte Arbeitskräfte und Wissen. Kultur- und Kreativwirtschaft stellen ein Pozential dar, aus dem viele Branchen schöpfen können. In einigen Städten ist diese Branche bereits zu einem Hoffnungsträger städtischer Ökonomie geworden. Auch dort haben wir gelernt: kreative Milieus sind nicht planerisch herstellbar, die Politik kann allenfalls vorhandenes Potenzial ernst nehmen und günstige Rahmenbedingungen schaffen. Doch das muss sie dann auch tun. Wie kreative Potenziale gestärkt werden können, Standortprofile geschärft und gleichzeitig Heimat geschaffen werden kann, zeigt beispielsweise die internationale Initiative „Slow Cities“. Das Ziel ihrer Stadtentwicklungspolitik ist es, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und zu beweisen, dass man auch gut mit Besinnung und Mäßigung (über)leben kann. Welche Chancen bieten sich für kleinere Städte in den ländlich geprägten Räumen Nordrhein-Westfalens, indem sie nachweisen, dass sie eine konsequente Umweltpolitik verfolgen, die Landschaft und Stadtbild erhalten, lokale Produkte und Produktionsweisen fördern und sich bemühen, den motorisierten Verkehr und Lärm zu vermindern, wenn sie großen Wert legen auf ihre eigene Identität, auf ihre lokale und traditionelle Kultur, auf eine gesunde Balance zwischen lokaler und globaler Ökonomie und die Qualität der Gastfreundschaft. Zweifellos: Das sind hohe Standards. Ich bin überzeugt, es lohnt sich sie zu erfüllen. Stadt:Leben Migration und Mobilität konstituieren Stadtgesellschaft. Unsere Städte waren schon immer die Orte, in denen Fremde ankommen und auf Toleranz und Hilfe angewiesen sind. Es stimmt doch: „Städte sind Orte der Fremden, die heute kommen und morgen bleiben“ (Georg Simmel). Heimat schaffen heißt für mich auch: Heimat für Fremde schaffen. Integrationsförderung bedeutet vor allem Teilnahmeförderung im Quartier. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund wird in den Großstädten rasant zunehmen. Vor allem die Bildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund werden darüber entscheiden, ob die bereits vorhandenen Risse zwischen Mehrheits- und Minderheitskulturen kleiner oder größer werden. Stadtentwicklung findet in den nächsten Jahren vor dem Hintergrund zurückgehender Bevölkerungszahlen statt. Dabei verändert sich die Altersstruktur massiv. Der Anteil der älteren, zum Glück zunehmend mobilen, Bevölkerung wird deutlich zunehmen. Werden unsere Städte auch in den nächsten Jahrzehnten für eine ältere Stadtgesellschaft Heimat sein können? Reichen beispielsweise die derzeitigen Versorgungsstrukturen aus? Die Bewertung der Stadt als Wohnstandort fällt heute deutlich wohlwollender aus als noch vor 10 Jahren. Dieser Stimmungswandel schlägt sich in konkreten Zahlen nieder. Viele Großstädte in Nordrhein-Westfalen können erstaunlich positive Bevölkerungsentwicklungen verzeichnen. Vor allem Singlehaushalte, berufstätige Paare, alleinerziehende Frauen und Männer sind bei der Bewältigung ihres Alltags auf wohnungsnahe Versorgungsstrukturen und kurze Wege angewiesen und versuchen in den Städten zu bleiben. Mit der Zunahme kleiner Haushalte in allen Altersgruppen und der wachsenden Bedeutung neuer Haushaltstypen werden integrierte und urbane Lagen weiter aufgewertet. Insbesondere für die Gruppe der weniger mobilen und älteren Menschen werden künftig zentrale Wohnstandorte wieder anziehender. Re-Urbanisierung ist eine große Chance für Stadtentwicklung, denn Zuzug in die Städte setzt ihre teilweise Veränderung zwingend voraus. Der sich abzeichnende Bevölkerungsrückgang im Zuge des demografischen Wandels lässt eine Verschärfung des kommunalen Wettbewerbs um junge, aktive Einwohner erwarten. Die hohen Anforderungen an die Städte hinsichtlich ihrer Attraktivität, Versorgungsstrukturen, Bildung, Schulen und Freizeitmöglichkeiten bleiben bestehen. Es bedarf großer Anstrengungen unterschiedliche Haushalts- und Lebensstiltypen zu bedienen, Wohnungs- und Gebäudetypen und soziale Zielgruppen im städtischen Raum zu mischen und eine soziale, kommunale Wohnungspolitik zu betreiben. Ich verstehe den Wunsch mancher Bevölkerungsgruppen angesichts persönlicher Verunsicherungen in einer heterogener werdenden Gesellschaft nach einem Wohnen mit und unter Gleichgesinnten. Heimat in der Stadt braucht die Möglichkeit, sich auf Bekanntes und Vertrautes zurückzuziehen. Sozial homogene Siedlungsformen stärken das subjektive Sicherheitsgefühl und die Identifikation mit dem Wohnort. Trotz dieser zu respektierenden Wünsche muss die Stadt ein Mosaik der Lebensformen und der Lebensstile bleiben. Nur eine räumlich durchlässige Stadt bleibt attraktiv. Wenn wir als eine wichtige Aufgabe annehmen, unseren Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leisten zu wollen, dann ist es notwendig, gerade die unterschiedlichen Lebens- und Lebensumfeldentwürfe so zu verbinden, dass alle eine Chance haben, Heimat zu finden. Mit anderen Worten: keine Uniformiertheit, keine Abgrenzung, sondern das Zusammenwirken eines Mosaiks, dessen Steine nicht von Anfang an zusammenpassen, zu einem lebensfähigen und vielgestaltigen Ganzen. So viele Aufgaben, so viele Chancen. Wer das Nebeneinander von Wachsen und Schrumpfen in den Regionen und Städten unseres Landes gestaltend begleiten will, der sollte Stadtentwicklung als interdisziplinäre und partizipative Strategie begreifen. Wir brauchen abgestimmtes Handeln aller am Prozess der Stadtentwicklung beteiligten Personen und Institutionen. Auf Dauer können unsere Städte und Regionen ihre Funktion als Träger gesellschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlicher Stärke nur aufrecht erhalten, wenn es gelingt, kulturelle Vielfalt und soziale Balance zu erhalten und eine hohe gestalterische , bauliche und Umweltqualität zu schaffen. Ohne die Mitwirkung der Bürgerschaft wird das nicht gelingen. Neue Anforderungen erfordern neue Strategien. Das nordrhein-westfälische Netzwerk Innenstadt stellt sich diesen Aufgaben. Überall im Land werden neue Methoden und Handlungskonzepte erprobt und erfolgreich umgesetzt. Ob das nun in (Düsseldorf-)Flingern/Oberbilk oder in der Bergmannsiedlung Eschweiler ist. Der Ausbau einer Beteiligungskultur in unseren Städten kann viel zur Identifizierung und Beheimatung ihrer Bürger beitragen. Wir brauchen die Unterstützung unserer Bürgerinnen und Bürger. Die Menschen spüren, ob ihre Mitwirkung und Verantwortungsübernahme gewollt und gefragt ist und Anerkennung findet. Wahrscheinlich stimmt es, dass unsere Städte an einem Wendepunkt ihrer Entwicklung stehen. Wir stehen am Beginn des wichtigsten Jahrzehnts der Baukultur und Stadtentwicklung seit langem. Da hilft die Erkenntnis, dass fast jedes Problem den Keim einer Lösung in sich trägt. Nordrhein-Westfalen verfügt über soviel gesammelte und weitergegebene Erfahrung, Potenziale und Talente. Die kreativen Milieus sind keine mediale Erfindung. Umbrüche, Konstruktion und Dekonstruktion, unzählige Aufgaben, nicht selten große Herausforderungen wurden gemeistert. Das wird auch in Zukunft so sein. Städte brauchen Zeit für ihre Entwicklung. Zu dieser Entwicklung gehören Umwege und Irrungen. Stadtentwicklung braucht nur sehr wenige Grundsätze. Der erste Grundsatz heißt: Der Mensch ist der Maßstab. Der zweite Grundsatz: Der Mensch ist nicht Insasse, sondern Bewohner. Und der dritte Grundsatz: Qualität zahlt sich aus. Und ich finde, ein einziges Ziel nutzt der Stadtentwicklung besonders: Die Stadt als Heimat für Menschen. Ich freue mich auf spannende Diskussionen. Ich erhoffe mir Hinweise und Anregungen. |
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