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Impulsvortrag von
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Stadt:Machen oder: Wie Urbanität die Klimawende erleichtert 1. Wie eine Stadt gemacht wird, bleibt ihren gewöhnlichen Bewohnern meistens ein Buch mit sieben Siegeln. Erklärt und ausgedeutet wird sie Besuchern, für Einheimische agieren da anonyme Mächte und Macher im Dickicht unklarer Eigentumsrechte, opaker Planungsroutinen, unklarer Baurechtsbestimmungen, übertriebener Denkmalschutzauflagen und seltsamer Professionsallüren. Die Schwerkraft der Verhältnisse beklagen auch Professionelle und Kreative, sie wissen mit Volkes Stimme aber auch nicht viel anzufangen, weil es in ihrer Wahrnehmung dem Laien an Geschmack mangelt und er somit große Würfe und geschlossene Ensembles verhindert. Seit fünfzig Jahren beklagen wir die „Unwirtlichkeit der Städte“. Jane Jacobs Streitschrift „The Death and Life of Great American Cities“, seinerzeit als Hausfrauen-Meinung abgetan, gilt heute als „urbanistische Bibel des späten 20. Jahrhunderts“. Johannes Novy liest sie als eine „beobachtungsstarke, häufig poetische Hommage an die Schwungkraft und Lebendigkeit städtischen Lebens“. Jacobs sah die Städte „voll unerforschter, aber deutlich miteinander verbundener und gewiss begreifbarer Beziehungen“, als „Laboratorien, voll von Experimenten und Irrtümern, Fehlschlägen und Erfolgen [...], in denen die Stadtplanung hätte lernen und ihre Theorien bilden und ausprobieren sollen“. Bei der Erkundung ihres New Yorker Stadtteils Greenwich Village war Jacobs aufgefallen, dass Gegenden, die „modernistischen Planungsgrundsätzen zufolge aufgrund ihrer alten Bausubstanz und Kleinteiligkeit, ihrer gemischten Nutzungs- und Sozialstruktur sowie ihrer hohen Nutzungsdichte schon längst zu Slums hätten verkommen müssen, häufig ein besonders hohes Maß an Ordnung und Vitalität aufwiesen“ (Novy). Durchmischung und Vielfalt befördern soziale Interaktionen, erlauben Identifikation mit der Stadt und ermöglichen so in einem substanziellen Sinne Großstadt. Was „Heimat“ nicht widersprechen muss, deren Austreibung eher durch eine „Stadterneuerung“ von oben nach unten drohte. Der von Jacobs ziemlich verteufelte Stadtplaner Robert Moses, ein Baron Haussmann in der Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, konnte den von ihm geplanten Lower Manhattan Expressway am Ende zwar nicht durch Greenwich Village hauen, doch eine Armada von „Developers“ und Immobilienspekulanten ließen New Yorks Stadt-Architektur herunterkommen. Wie Jacobs der Stadt etwas Organisches bewahren wollte, kämpfte auch Alexander Mitscherlich gegen die „Herzlosigkeit“ der nach dem Zweiten Weltkrieg erneuerten westdeutschen Städte und ihre funktionelle Entmischung durch autogerechten Umbau und die Verfrachtung der Stadtbevölkerung in Betonburgen, wo vor allem „Ausbruchssehnsüchte“ blühten. Man sprach damals von der „gemordeten Stadt“ und nannte die Geisteshaltung des Wiederaufbaus „widerstädtisch“. Dazu passt auch Nathan Glazers Postulat, Stadtplanung müsse wieder eine „soziale Agenda“ annehmen, ohne ihre Kernaufgabe, die Formgebung des öffentlichen Raums, zu vernachlässigen. Als deren Ziele bestimmt der Soziologe Normalität, Reproduzierbarkeit und Benutzerfreundlichkeit des urbanen Designs, nicht Sensation, Schock oder Extravaganz. Heute haben wir oft nur noch die Wahl zwischen elitärem Eskapismus und urbaner Nostalgie, zwischen präpotentem „Bilbao-Effekt“ und kleinbürgerlicher Raserei.
2. Viele Städter haben ihren Ausbruchssehnsüchten nachgegeben, indem sie in die wuchernden Vorstädte und grünen Speckgürtel abgewandert sind, wodurch viele Städte Stationen globaler Armutswanderungen und Brennpunkte sozialer Exklusion wurden. Diese Segregation wurde nicht zuletzt durch den Rückzug der Planung möglich, während eine durchaus fortbestehende Regulierungsmanie die Pfadabhängigkeiten der funktionellen Entmischung verstärkte. Die meisten Städter fanden in der Stadt keine Heimat mehr, nahmen sie als stinkenden und lärmenden Moloch wahr, und durch die grüne Brille gelten vor allem Metropolen und Mega-Cities als „widernatürliche“ Dystopien. Landluft soll gesund machen, besagt die angeblich naturfreundliche, in Wahrheit widerstädtische Gesinnung der „Exurbans“. Viele missverstehen die ökologische Erneuerung der Stadt als antimodernistische Reaktion, die den Einzelnen gegen den rücksichtslosen Landschafts- und Ressourcenverbrauch zur grünen Runderneuerung aufruft. Gegen mehr Umweltverträglichkeit ist natürlich nichts einzuwenden. „Etwa ein Drittel der CO2-Emissionen“, erkannte die Stadt Hamburg, „gehen auf das Konto der Gebäudeheizung. Rund 700 000 Wohnungen in Hamburg verfügen nicht über einen ausreichenden Wärmeschutz. Hierin liegt also ein gewaltiges Potenzial, um die Luft- und Lebensqualität in Hamburg zu verbessern. Nutzt man dann noch erneuerbare Energien, wie Solarwärme oder Holzpellets, um die Wärme zu erzeugen, so wird dem Klimaschutz doppelt geholfen.“ In diesem Sinne streben nun viele Kommunen eine karbonfreie Zukunft bis 2040 oder 2050 an. Städte werden attraktiv wegen der steigenden Kosten des Individualverkehrs, weshalb die Menschen wieder nahe an ihrem Arbeitsplatz wohnen wollen. Klimawandel, das heißt auch in Deutschland die Aussicht auf erheblich höhere Spitzentemperaturen im Sommer, massive Niederschläge zur unrechten Zeit und Hochwasser an Küsten und Flüssen. Das kann die Fach-Diskussion um umweltfreundliche Städte und nachhaltiges Bauen beflügeln. Als erste Pflicht des Architekten bestimmt Christoph Ingenhoven „dafür zu sorgen, dass Menschen auf dieser Erde leben können. Wenn wir über den eigenen Tellerrand – oder das eigene Haus mit Dach und Wetterschutz – hinaus gucken, dann ist es eine unserer wichtigsten beruflichen Verpflichtungen und eine Grundlage der Architektur, uns um eine nachhaltige Energieversorgung und um nachhaltiges Bauen zu kümmern. Wir müssen eigentlich eine Art hippokratischen Eid für nachhaltiges Bauen leisten.“ Energiekrise und Klimawandel kommt man nicht mit Mülltrennung und ein bisschen Photovoltaik bei. Eine grüne Metropole heißt: dichter bauen, aber auch ephemerer und experimenteller. Konkret hieße das auch, Städte transitorischer und reversibler zu gestalten, damit noch bevorstehende Innovationen eingebaut werden können. Rein stilistische Fragen werden zurücktreten müssen, denn ein nachhaltiges Gebäude muss vor allem durch seine Unauffälligkeit überzeugen, nicht durch das Ausrufezeichen „Ich bin ein Ökohaus!“ oder gar durch besondere Hässlichkeit. 3. Klimawandel ist Wandel der urbanen Kultur. Bisher beschränken sich Klimaschutz und ökologische Modernisierung weitgehend auf Einzelsanierungen, die Eigenheimbewohner und Hauseigentümer an Einzelobjekten durchführen. Wärmetechnische Renovierung, Solaranlagen, Passiv- und Positivenergiehäuser sind Beispiele dafür, aber schon ein Zusammenschluss mehrerer Energiesparer als Energiegenossen zu einem größeren Blockheizkraftwerk ist eine Sensation, und erst recht ist die Verbindung von neuen Wohnformen mit neuen Lebensstilen eine Seltenheit, die meist Dörfern und Inseln vorbehalten bleiben. An diesem Punkt kann die von Glazer angemahnte soziale Agenda wieder ansetzen. Planer und Bewohner müssen lernen, Städte, Regionalverbünde und Metropolen wieder als Ganze zu denken und zu gestalten. Entgegen stehen dem, wie wir schließen können, eine selbstverliebte Architektur, eine kleinteilige Planung, aber eben auch der Einzelne in seinem Eigenheim (und oft alles zusammen). Dekarbonisierung, wie das Gesetz der Stunde heißt, kann nach meiner Überzeugung nur mit einer neuen Kultur der Verantwortung und Teilhabe gelingen, die das faktische Planungsmonopol der Bauexperten und das illegitime Vorrecht der Immobilienbranche in Frage stellt. Das legt den Bauherren eine gewisse Selbstdisziplin und Weitsicht auf, eröffnet ihnen aber neben dem Ergebnisnutzen effizienterer Energienutzung auch den Prozessnutzen identitätskonkreten Gemeinschaftshandelns. Wie soll urbane Teilhabe zur Geltung kommen? Baurecht und Bauplanung bieten eine ganze Reihe institutionalisierter Beteiligungsmöglichkeiten, die hier und da auch sehr gut genutzt worden sind, die Vorherrschaft der Experten und den Egoismus der Laien aber nicht wirklich einschränken konnten. Energie- und klimapolitisch notwendig gewordene Maßnahmen werden im Zweifel par ordre de mufti durchgepaukt oder quälende Rechtsstreitigkeiten auslösen. Man denke etwa an die Solarverordnung der Stadt Marburg und vieles, was die Brüsseler Kommission als Verordnungsentwurf sicher in der Schublade liegen hat, damit die in Kopenhagen zwar nicht beschlossenen, in Europa gleichwohl anvisierten Minderungsziele erreicht werden können. Gerade auf kommunaler Ebene ist eine Klimapolitik erforderlich, die bürgernah und partizipationsfreundlich ist und dabei weniger auf Regulierung setzt als auf die verantwortungsvolle und experimentelle Selbsttätigkeit der Bürgerschaft.
4. Klimakrise und Energiewende zeigen die Krise der Stadtgesellschaft an, aber sie können eventuell zu Vektoren ihrer kulturellen Rehabilitation und einer strukturellen Reurbanisierung werden. Dazu müssen mehr als bisher kluge Gesetzgebung, neue Bau- und Energietechnologien und bürgergesellschaftlicher Aufbruch zusammenwirken. Städte bedecken nur ein Prozent der Erdoberfläche, beherbergen aber bald schon zwei Drittel der Weltbevölkerung; sie sind durch Klimawandel stark betroffen, dessen Hauptursache sie zugleich sind. Städte nutzen 75 % der Energie und stoßen 80 % der Treibhausgase aus. Intakte Städte sind gleichwohl nicht durchgängig ökologische Problemzonen, sondern oft genug Inseln der Nachhaltigkeit und Laboratorien nachhaltiger Lebensstile. Dank der hohen Bevölkerungsdichte hinterlassen Stadtbewohner einen wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck als Vorstadtpendler; pro Kopf verbrauchen sie in der Regel weniger Wohnfläche, Elektrizität und Wasser. Sie können leichter (oder müssen) aufs Auto verzichten, Nahziele sind mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreichbar, öffentlicher Nahverkehr rechnet sich. In Städten ist der Zwang zur Vermeidung von Abfall stärker, Recycling, Reparaturwerkstätten und Einzelhandel rentieren sich; sogar der Anbau von Obst und Gemüse ist innerstädtisch möglich, wenn auch nicht in jedem Fall sinnvoll. Städte können mit anderen Worten vor allem dadurch grüner werden, dass sie dichter und eventuell auch größer werden; es geht also weniger um die klimatechnische Revolution als um eine urbane Restauration. Das ist eine konkrete Stadtutopie. Utopie, weil, wie seinerzeit in Greenwich Village oder im Frankfurter Westend, im Weltmaßstab das genaue Gegenteil angesagt ist: die Zerschlagung urbaner Reste durch großflächige Entmischung und Verkehrserschließung, eine globale Suburbanisierung, die in Dubai City ein geradezu lachhaftes Las Vegas-Format annimmt, eine „Rurbanisierung“ der Mega-Cities, die im globalen Süden zum Teil apokalyptische Formen annimmt. Mittelschichten, die mit ihrer Motorisierung den Lebensstil westlicher Vorbilder anvisieren, strangulieren sich damit in Wahrheit selbst. Konkrete Utopie: Die Zukunft liegt jedenfalls in den großen Städten und das erfordert:
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